wie Indianer: Im Bündnis mit den Spaniern halfen sie, sich selbst zu besiegen

Wenn von der Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier die Rede ist, von den raschen Siegen der Konquistadoren über die Indianer, von der Vernichtung der hochzivilisierten Inkas und Azteken im 16. Jahrhundert, dann taucht stets die Frage auf, wie es denn eigentlich möglich war, daß eine Handvoll Spanier die zahlenmäßig so weit überlegenen Eingeborenen in so kurzer Zeit militärisch besiegen, teils vernichten, teils versklaven oder zumindest vertreiben konnte. Als Hauptgründe werden dann immer wieder genannt:

  • Die waffentechnische Überlegenheit; während die Indianer mit Pfeil und Bogen, Steinschleudern und der Ayllos (einer Schnur, unterteilt in drei Schnürchen, an deren Ende kleine Metallkugeln befestigt waren) kämpften, waren die Spanier nicht nur mit Lanzen, Schwertern, Armbrust, sondern auch mit Hakenbüchsen und Feldkanonen ausgerüstet. Vor allem das Knallen und Donnern dieser Fernwaffen habe die Eingeborenen in ungeheuren Schrecken versetzt.
  • Der Einsatz von Pferden; da Pferde den Indianern unbekannt waren, habe der Auftritt von Berittenen sie psychologisch stark eingeschüchtert, weil sie Reiter und Pferd für ein einziges Wesen von überragender Kraft gehalten hätten.
  • Außerdem hätten viele Eingeborene nicht nur Reiter mit Pferden, sondern überhaupt die Weißen für Götter oder doch für Abgeordnete ihrer Götter gehalten, deren Ankunft beziehungsweise Wiederkunft sie längst erwartet hatten.

Dies alles ist nun keineswegs aus der Luft gegriffen, aber die rasche Eroberung Mittelamerikas ist damit allein nicht zu begründen. Von dem Schrecken, den die Feuerwaffen hervorriefen, erholten sich die Eingeborenen schnell; das heißt, sie gewöhnten sich an den Donner der Büchsen und Kanonen. Der Erfolg der Feuerwaffen wurde bisher überschätzt, meint Professor Fernand Salentiny in seinem Buch „Santiago! Die Zerstörung Altamerikas“ (Umschau-Verlag, 1980); das Laden der Hakenbüchsen geschah langsam und umständlich, und in dem feuchtheißen Klima verdarb das Pulver leicht. Und das „Ungetüm“ Reiter und Pferd betreffend, fanden die Indianer schnell heraus, daß sie keine Einheit bildeten und daß sowohl Reiter als auch Pferde nicht unverletzbar waren. Auch konnten Pferde nicht in großen Mengen in die Neue Welt geschafft werden, weil das sehr kostspielig gewesen wäre. Und die Vorstellung schließlich, die Konquistadoren seien Götter, denen man sich freiwillig unterwerfen müsse, wurde durch deren grausames Vorgehen schon gleich zu Anfang ad absurdum geführt.

Wie groß die Zahl der Konquistadoren und Soldaten war, die zwischen 1509 und 1560 nach Altamerika kamen, weiß man nicht. Sie wird zwischen 50 000 und 100 000 vermutet. Unzweifelhaft waren die Eingeborenen den Eroberern, denen es mehr und mehr darum ging, das sagenhafte Goldland Eldorado zu finden, zahlenmäßig weit überlegen. Salentiny schreibt: „Schätzungsweise dürften im späteren Spanisch-Amerika ungefähr 60 bis 70 Millionen ‚Altamerikaner‘ gelebt haben.“

Die Militärstrategen Kaiser Karls V. daheim in Europa waren überrascht, daß die Konquistadoren sich gegen die zahlenmäßig so hoch überlegenen Indianer überhaupt halten konnten. Aber auch sie kannten noch nicht den eigentlichen Grund, nämlich, daß die Spanier von verschiedenen Indianerstämmen militärische Hilfe erhielten. Weitverbreitet, aber falsch ist ja die Vorstellung, in Amerika hätten vor der Entdeckung durch Kolumbus paradiesische Zustände geherrscht. In Wahrheit hatten sich zum Beispiel die Azteken ihre herausragende Stellung durch kriegerische Eroberung verschafft. Und während der etwa acht Jahrzehnte vor Ankunft der Europäer machten sie sich die meisten anderen Stämme tributpflichtig.

Einige dieser Stämme erhofften sich von den Spaniern die Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit. Die Herrscher von Tlaxcala stellten Cortez 12 000 bis 15 000 Krieger zur Verfügung. Ohne sie – so Fernand Salentiny – hätte der Spanier die Eroberung von Tenochtitlan, der prächtigen Aztekenhauptstadt mit den großen Tempelpyramiden, wochen- oder monatelang hinausschieben müssen (wenn sie ihm überhaupt gelungen wäre). Und in Altperu waren es, schreibt Salentiny, „die Stämme der Kanarr, Wanka und Chachapuyas, die ‚ewigen‘ Rebellen im Lande der Inka, die Pizarro bei. der Niederwerfung des Inkareiches behilflich waren, Man darf heute ruhigen Gewissens behaupten, daß die altamerikanischen Reiche kaum ohne die massive militärische Hilfe der Eingeborenen ... hätten bezwungen werden können, jedenfalls nicht auf die bekannte Art und Weise und nicht so schnell. Während aller Eroberungszüge der Spanier in Altamerika bildeten die einheimischen Krieger die Mehrheit der spanischen Streitmacht.“

All jenen Indianern aber, die den Spaniern halfen, ihre Landsleute schneller zu unterwerfen, hat dieses (teils freiwillige, teils erzwungene) Verhalten am Ende wenig eingebracht. Auch gegen sie gingen die Konquistadoren schließlich mit aller Grausamkeit vor, wozu sie sich um so mehr berechtigt glaubten, als nach einer weitverbreiteten und ernsthaft vertretenen Meinung Indianer nicht zu den Menschen zählten.