/ Von Dieter Buhl

Madrid, im April

Die schummrige Beleuchtung des Saales im Kongreßpalast suggeriert Beruhigung, Friedfertigkeit. Nur das Präsidium auf der Bühne und die Fahnen der 35 Teilnehmerstaaten sind in gleißendes Hell getaucht. Der optische Gegensatz entspricht der Lage. Licht und Schatten, Zuversicht und Verzagtheit prägen die Madrider KSZE-Folgekonferenz, die in diesen Tagen möglicherweise in ihre Endphase tritt.

Obwohl die Staatenversammlung nun schon seit zweieinhalb Jahren tagt, widerlegt sie Karl Kraus’ resignierende Regel – „Im Plenum fällt uns nichts mehr ein“ – stets aufs Neue. Eine Probe ihres taktischen Erfindungsreichtums geben die beiden Hauptakteure der Konferenz auch an diesem Morgen. Während die Diplomaten im weiten Rund interessiert aufhorchen, beginnt der sowjetische Chefdelegierte Kowaljow, den schweigsamen Sohn Jurij Andropows neben sich, Beschwerde darüber anzumelden, daß „einige Delegationen mit der Erhebung unannehmbarer Forderungen die Situation weiter erschweren“ möchten. Jeder im Saal weiß, wer gemeint ist. Und der Adressat der Klage läßt nicht lange auf sich warten. Mit der milden, aber unmißverständlichen Suada eines weisen Richters weist der amerikanische Botschafter Kampelman darauf hin, die sowjetische Delegation spreche nun schon zum zweiten Mal in dieser Woche von der Gefahr des Scheiterns; er hoffe nicht, daß sie die Sprengung der Konferenz plane.

Ein Befreiungsschlag der Amerikaner, die von vielen Seiten beschuldigt werden, die Folgekonferenz immer noch sabotieren zu wollen. Doch wer, außer den diplomatischen Ringrichtern, registriert den Konter? Die internationale Presse gewiß nicht. In ihren großzügig ausgestatteten Arbeitsräumen waltet absolute Stille, und die in langen Reihen aufgestellten Schreibmaschinen setzen Staub an wie Schneepflüge im Sommer. Auch in den riesigen Foyers des Palacio de Congresos herrscht gähnende Leere. Und an den kleinen Läden im Erdgeschoß, die anfangs für ein reges Geschäft eingerichtet waren, sind längst die Rolläden heruntergelassen worden. Die Madrider Konferenz scheint dahinzudämmern. Ruhe vor dem Sturm, Atemholen vor dem Schlußspurt?

In der Cafeteria, deutet sich bereits Bewegung an. Am einzigen Ort des Kongreßzentrums, wo es immer lebhaft zugeht, werden erste Bilanzen gezogen. Hat sich der Aufwand gelohnt? Bringt die Arbeit von 30 Monaten irgendeinen Nutzen? Der Bonner KSZE-Botschafter Hansjörg Kastl wertet optimistisch. „Es grenzt schon an ein Wunder“, resümiert er, „daß wir trotz Polen und Afghanistan weiter miteinander geredet haben.“ Ein hoher sowjetischer Funktionär verklärt die Bilanz und preist die Fortsetzung des KSZE-Prozesses als „eine neue Seite, die im Buch der europäischen Geschichte aufgeschlagen worden ist.“