Von Susanne Mayer

Auf der Weltkarte der Internatsschule Birklehof im Schwarzwald gibt es einen merkwürdigen Längengrad: Er hat etwas Schlagseite und reicht von Süddeutschland bis in die Mitte Afrikas. Anders als seine langen Nachbarn unterteilt er die Welt nicht. Er verbindet zwei Welten, die im Birklehof auf eine Linie gebracht wurden. Die Schüler zogen sie eigenhändig, mit einem Entwicklungshilfeprojekt, das Schule machen sollte.

Am Nordende ruht die Linie, das wissen die Kinder aus eigener Sicht, auf sattgrünen Wiesen, die sich schmeichelnd zwischen Wäldern wellen, mittendrin der Schwarzwaldkurort Hinterzarten, und darin, als Idylle in der Idylle, das weite Areal der Schule Birklehof.

Das untere Ende der Linie, das lernen die Schüler aus Berichten und Bildern, verläuft im Sand. Zipfelmützige Rundhütten wachsen Ton in Ton aus weiter Wüste zu einem Dorf, das Roualfi-Maichilmi heißt. Dieses Dorf liegt in der Sahel-Zone, in der afrikanischen Republik Niger. Zehn Jahre nach der großen Dürre, bei der mehr als hunderttausend Menschen in der Sahel-Zone starben, ist die schleichende Umweltkatastrophe südlich der Sahara kaum mehr aufzuhalten: Die Menschen selber machen die Wüste.

Doch in Roualfi-Maichilmi haben die Menschen selber einen Brunnen gebaut – mit Hilfe der Schüler vom Birklehof und von der Grund- und Hauptschule in Hinterzarten, die drei Jahre lang mit phantasievollen Aktionen 30 000 Baukosten zusammentrugen. 58 Meter ragt der Brunnen nach unten in ein mesozoisches Wasserreservoir, und nach oben, mit 1,80 Meter Durchmesser und vollkommen auszementiert, ein gutes Stückchen aus dem Dreck.

Keine grüne Oase ist deswegen um den Brennen herum entstanden, soviel zeigt das große Photo von ihm in Hinterzarten unmißverständlich; das kleine Kind, dessen, aufgeblähter Bauch sich vom Brunnenrand deutlich abhebt, wird an Eiweißmangel sterben. Aber das Wasser, das die geschnitzten Kalebassen nach oben tragen, löscht den Durst von 1800 Menschen, die hier leben, ohne sie gleichzeitig mit Bilharziose-Bazillen zu verseuchen, wie die brackige Brühe aus den schalen Löchern, die hier früher als Wasserquelle benutzt wurden.

„Hin-ter-zar-ten“ jubelten die Kinder in Roualfi-Maichilmi, als 1981 der Lehrer Klaus Boersch und der Schüler Markus Henn als Delegation der Hinterzartener Schulen zum Brunnentrunk anreisten. „Der große Elefant, der von Ort zu Ort geht, heißt euch willkommen! Hin-ter-zar-ten! Wir hoffen, daß Gott euch helfen wird, wie ihr uns geholfen habt!“ Ein großer Schafbock und vier an den Füßen zusammengebundene Perlhühner sollten als großzügiges Gastgeschenk den Anfang machen.