Von Franz Alt

Mahatma Gandhi wurde einmal von christlichen Missionaren gefragt, was sie tun müßten, damit Inder das Christentum verstehen. Der Hindu Gandhi erinnerte die christlichen Abendländer an das Geheimnis der Rose. „Alle lieben diese Blume, weil sie duftet. Also duften Sie mehr, meine Herren. Duften Sie nach Jesus.“ Duftet das Friedenshirtenwort der katholischen Bischöfe nach Jesus? Könnte sich der Bergprediger wiedererkennen in dem 73-Seiten-Papier, das den programmatischen Titel trägt: „Gerechtigkeit schafft Frieden“?

Ganz im Sinne der Bergpredigt wird niemand verurteilt. Aber die politische Intention ist für eine deutsche Bischofskonferenz beinahe sensationell eindeutig. Endlich werden „Rüstung und militärische Strategie sittlich“ beurteilt, „von daher sind auch die Mittel zu bewerten“. Die uralte Rechtfertigung zur Kriegsvorbereitung „wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor“‚ lassen die Bischöfe jetzt nicht mehr gelten. „Heute ist der Krieg weniger denn je ein Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Er darf niemals sein. Denn niemals sind die Folgen des Krieges so offenbar gewesen, niemals war so klar, daß jeder mögliche Gewinn in keinem Verhältnis zu den Opfern stehen würde.“ Diesen Satz würden die beiden Politiker Aloys Mertes (CDU) und Georg Leber (SPD), die das amerikanische Friedenshirtenwort kritisiert haben, vielleicht auch unterschreiben. Aber dann folgt eine Passage, die alle Nachrüstungsbefürworter auf die Barrikaden treiben muß. Die deutschen Bischöfe stellen das Gleichgewicht des Schreckens so intensiv in Frage wie ihre nordamerikanischen Amtsbrüder: „Die Gefahren, die mit der Eigendynamik des Wettrüstens verbunden sind, drängen in der Tat zu der Folgerung: Nukleare Abschreckung ist auf Dauer kein verlaßliches Instrument der Kriegsverhütung.“

Das ist deutlich, ohne wenn und aber. Die „Grenzsituation“, in die uns das Gleichgewicht des Schreckens geführt hat, beschrieb, als erster westdeutscher konservativer Politiker, Kurt Biedenkopf in dieser Zeitung. Das war im Oktober 1981. Daß aber schon 18 Monate später die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik mehrheitlich dieselbe Position einnehmen würden, macht den dramatischen Bewußtseinswandel im konservativen Lager der Bundesrepublik deutlich. Das ganze Dilemma der nuklearen Abschreckung pressen die Bischöfe – weit entfernt von einer klerikalen Diplomatensprache – in die einfache und zugleich erschreckende Frage: Ist es erlaubt, mit einer Vernichtung zu drohen, die tatsächlich nicht vollzogen werden darf?

Hier wird nicht bestritten, daß nukleare Abschreckung eine Zeitlang funktioniert hat, aber es wird bezweifelt, ob diese Politik am Rande des Abgrunds auf Dauer gutgehen kann. Die Menschheit kann wohl eine Zeitlang auf dem atomaren Pulverfaß existieren. Aber auf Dauer sind Humanität und Liebe, Fortschritt und Kultur, Vertrauen und Freiheit nicht möglich, wenn man unter Absturzgefahr lebt und diese Gefahr auch noch verdrängen muß, um überhaupt leben zu können.

Auch in der CDU/CSU wir niemand sagen wollen, die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik seien der verlängerte Arm Moskaus, wenn sie jetzt „Mut zum Umdenken und Umkehr“ fordern. Auf die beiden Limburger Bischöfe Kamphaus und Kampe und die Theologieprofessoren Franz Böckle und Karl Lehmann, deren Stempel das Friedenspapier trägt, paßt dieses Etikett gewiß nicht. Walther Kampe ist der deutsche Präsident der Internationalen Friedensbewegung „Pax Christi“. Der bischöfliche Friedensbegriff ist nicht einseitig. Vieles erinnert an Karl Jaspers, der schon in den fünfziger Jahren in „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ einen Friedensbegriff prägte, der an Werten orientiert war: an Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit.

Die katholischen Bischöfe der USA und Österreichs, Belgiens und Ungarns, der DDR und jetzt der Bundesrepublik packen in diesen Monaten mutig an, was ihre Pflicht ist: Sie denken über ihr „Ressort“ hinaus. Es geht schließlich um das Überleben der Menschen. Der Vorwurf wird kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Bischöfe verstehen doch nichts von Strategie: Vielleicht verstehen sie tatsächlich nicht allzuviel davon. Aber kommt es darauf an? Muß man Fachmann sein, um den Wahnsinn als Wahnsinn zu begreifen? Offensichtlich begreifen die militärischen und politischen Fachleute besonders langsam, was sie selbst angerichtet haben. Die Atombombenfrage ist eine geistig-moralische und keine fachliche mehr. Es waren die Fachleute, die uns der Katastrophe zu nahe gebracht haben, weil sie den Überblick verloren und weil sie nicht zu Ende dachten, was sie taten. Die „reine Ethik“ gibt es spätestens im Atombombenzeitalter nicht mehr. Sie wäre weder rein noch ethisch. Und wer heute noch immer Religion und Politik trennen will, tat weder Religion noch Politik begriffen.