Schriftsteller sprachen und stritten über den gefährdeten Frieden. Vor mehr als einem Jahr fand die erste Berliner Begegnung statt. Seitdem hat sich nichts zum Besseren gewendet. Nach wie vor geht von den Großmächten gegen die Völker in Polen, in Afghanistan und in Zentralamerika Gewalt aus. Am Persischen Golf und im Libanon wird und wurde mit den Waffensystemen beider Militärblöcke Krieg geführt: Zehntausende starben, ihnen nützliche Erkenntnisse gewannen einzig die Militärexperten. Obgleich im kapitalistischen wie im kommunistischen Lager Mißwirtschaft herrscht, hier Arbeitslosigkeit, dort Unterversorgung die Folgen sind, bleiben die Anstrengungen in beiden Lagern dennoch auf Rüstung und Nachrüstung konzentriert, als wolle man wirtschaftliches Unvermögen durch neue Raketensysteme wettmachen, als ließe sich die Weltwirtschaftskrise durch Anhäufung, notfalls durch den Einsatz nuklearer Gefechtsköpfe beheben. Auch dieser Wahnsinn hat seine Logik.

Auf die Zeit seit dem ersten Berliner Gespräch rückblickend, kann positiv allenfalls gewertet werden, daß die Sowjetunion einige prüfenswerte Abrüstungsvorschläge gemacht hat. Die US-Regierung jedoch lehnte diese Vorschläge ungeprüft ab. Schlimmer noch: die Administration des US-Präsidenten Reagan strebt die militärische Überlegenheit des Westens an und erklärt das Totrüsten des Gegners zum Ziel. Deutlich wurde auch, daß die US-Administration nach wie vor zum atomaren Erstschlag bereit ist und einen nuklear geführten Krieg – sei er auf Europa beschränkt oder werde er weltweit geführt – für gewinnbar hält.

Dazu will ich mich eindeutig äußern: ich gehöre zum Westen, und es trifft mich, wenn die Politik der führenden Großmacht des Westens gemeingefährlich wird. Ich leide unter dem Zustand des großen Verbündeten. Es macht mich bitter, daß die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika keiner demokratischen Impulse mehr fähig ist, vielmehr nur noch auf Gewalt und Stärke setzt. Weil zum Westen gehörend, schämte ich mich, als Präsident Reagan vor wenigen Wochen den Gegner nicht nur zum Feind erklärte, sondern ihn auch als „das Böse“ schlechthin darstellte. Gemeint war die Sowjetunion. Mitgesagt wurde, daß „das Böse“ vernichtet werden müsse. Das sind den Krieg erklärende Worte. Diese Sprache ist durch nichts zu entschuldigen, auch nicht durch den beliebten Hinweis, daß mit vergleichbarer Sprache in der Sowjetunion dem Gegner als Feind Vernichtung angedroht wird.

Nichts spräche den Westen frei, wenn er sich dieser Führung in den angedrohten Völkermord weiterhin anvertraute. Doch kann es nicht nur Sache der westlichen Regierungen sein, den Führungsanspruch der USA kritisch in Frage zu stellen, zumal diese Regierungen – die bundesdeutsche voran – weder die Kraft noch den Willen zur westeuropäischen Selbständigkeit haben; vielmehr stellt sich jedem, dem wortwörtlich das eigene Leben und auch das Leben des Gegners lieb ist, die Frage, ob er Widerstand leisten will.

Weil ich zum Westen gehöre und mich für den Freiheitsbegriff der westlichen Demokratie ausspreche, sehe ich mich zum Widerstand verpflichtet. Doch zuallererst ist es deutsche Erfahrung – darunter die des 1933 versäumten Widerstandes gegen den angekündigten Völkermord – die mir diese Entscheidung aufzwingt.

Ich glaube nicht, daß weitere Metaphern vom unzulänglichen Menschen oder vom schicksalhaften Verfall menschlicher Existenz in dieser Lage hilfreich sind. Wenn es gelingt, im Verlauf des zweiten Berliner Gesprächs das gegenwärtige Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, dann sollten wir Schriftsteller uns als Teil der Friedensbewegung in West und Ost begreifen und dem Recht auf widerstand das Wort reden.

Dieser Widerstand muß gewaltlos sein, weil er sich gegen die Gewalt und deren Vernichtungspotential stellt. Dieser Widerstand schließt den Ungehorsam ein. Der Widerstand, den ich meine, betrifft zuallererst den Westen; denn aufhören sollten wir mit der so dummen wie hochmütigen Erwartung, es möge doch jeweils die andere Seite den ersten Schritt tun. Deshalb spreche ich mich für Vorleistungen, für die nukleare Abrüstung im Bereich der Bundesrepublik aus und gegen die Aufstellung von Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern.

Mit dieser Entscheidung stehe ich nicht allein. Und doch wünsche ich mir eine vergleichbare Entschiedenheit der Schriftsteller aus der DDR; denn die deutsche Verantwortung für den Frieden und die deutsche Pflicht zum Widerstand gegen den hier wie dort vorbereiteten nuklearen Völkermord sind unteilbar, weil es allesamt Deutsche waren und sind, die bis heute und in Zukunft Auschwitz zu verantworten haben.