Bremen

Eigentlich sollte es keiner merken, still und leise wollte Michael Lutter abends die Plakatwand bemalen. Doch Werder Bremen hatte ein Flutlichtspiel, Hunderte Zuschauer kamen an der Tafel der Deutschen Städtereklame vorbei und sahen, was der 25jährige Michael an alle Werbeagenturen schrieb: „Suche Lehr- oder Praktikumsstelle!“ Pfiffiges Kerlchen, armes Schwein, alter Schmierfink – das bekam Michael zu hören. Keiner holte die Polizei. Das hätte auch keinen Sinn gehabt: Die Plakattafel war ordnungsgemäß gemietet, für sieben Mark am Tag plus Mehrwertsteuer.

Vor knapp 19 Jahren fing alles an. Michael Lutter wurde eingeschult und konnte schon lesen. Er langweilte sich. Dabei blieb es, bis er in der elften Klasse wegen wiederholten Sitzenbleibens vom Gymnasium flog. Zumindest den Realschulabschluß brachte er noch zustande. Davon erholte er sich ein Jahr lang.

Schließlich packte ihn die Mutter und schleppte ihn zur Fachschule für technische Zeichner, weil er gern kritzelte. Schon nach kurzer Zeit haute er ab – zum Arbeitsamt. Am nächsten Morgen fing er als Hilfsarbeiter an. Fünf Jahre jobbte Michael kreuz und quer durch Bremen und Umgebung, als Fahrer, Schiffsreiniger, Lagerist, Knecht, Mädchen für alles, Discjockey und Konzertmitveranstalter. Dann mußte er zum Zivildienst, bis zum Sommer letzten Jahres. Danach war Schluß.

Das Arbeitsamt führte ihn zwar als „Arbeiter“, bot aber nur noch einmal Arbeit an. Doch für diese Stelle hätte Michael ein Auto gebraucht, das Amt sagte ab. Was Michael auch recht war: „Ich wollte meine Fähigkeiten nicht länger bei irgendwelchen Drecksarbeiten vergeuden. Aber was tun mit der Karriere?

Zwei- bis dreimal müsse er in der engeren Wahl gewesen sein, vermutet Michael, denn die Bewerbungsunterlagen seien sehr spät zurückgekommen. Immer sei es das gleiche gewesen: die „weißen Zettel“ fehlten ihm, die Zeugnisse. Seine Erkenntnis: „Es zählt nicht, was du im Kopf hast und was du mit den Händen kannst, es zählt nur, wieviel weiße Zettel du vorweisen kannst.“ Er ist sicher, daß er viel weiß und viel kann, aber das hat er nicht schwarz auf weiß.

Warum bloß hat er denn nichts zu Ende gemacht, nicht einen Job richtig durchgezogen? Den Vorwurf kennt Michael. Aber gut gearbeitet, das hat er immer. „Nach einer Woche wußte ich, wie der Hase läuft, nach zwei Wochen kannte ich den Laden sehr gut, und nach vier Wochen wußte ich, wie man’s besser machen kann.“ Doch stets war einer vor ihm, der mindestens einen weißen Zettel mehr hatte.