Autofahrer, kommst du ins Niolo, vergewissere dich vorher, daß deine Bremsen tadellos funktionieren und deine Nerven stahlhart sind. Die einzige Straße nämlich, die in diese abgeschiedene korsische Gebirgsgegend führt, ist die schmale, halsbrecherische D 84. Sie wurde vor gut einem halben Jahrhundert aus dem Fels gehauen. Vorher mußten die Bauern und Hirten des Niolo über Maultierpfade kraxeln, um zu Korsikas Küstenstädten zu gelangen. Auch heute noch scheint es, als ob sich die „Départementale 84“ eher für schwindelfreie Maultiere als für arglose Autoreisende eignen würde.

Wenn man aus östlicher Richtung kommt, durchfährt man die wilde Scala di Santa Regina, eine gewaltige, in rotem Granitfelsen eingenistete Schlucht, in der sich der Golo-Fluß in unzähligen Serpentinen schlängelt. Lautes Hupen vor jeder unübersichtlichen Haarnadelkurve ist kein grober Unfug, sondern bewahrt vor unliebsamer Bekanntschaft mit dem Abgrund.

Kommt man von Westen, über den Col de Vergio, trotten hinter fast jeder Biegung der schlaglochübersäten D 84 frei umherlaufende, schwarzgefleckte Schweine über die Fahrbahn. Die grunzenden Verkehrshindernisse (die Korsen schätzen sie in Form von deftigen Würsten) trollen sich dann – meistens im Gefolge einer ganzen Ferkelschar – in die nahen Wälder des Valao-Niello, wo sie sich ausgiebigem Dösen im Schatten imposanter Kiefern widmen. Vor nicht allzu länger Zeit war das Niolo hoch „terra incognita“, Zufluchtsort von Banditen, Freiheitskämpfern und Bluträchern. Vom Massentourismus, der sich an Korsikas Meeresbuchten neuerdings allsommerlich durch Invasionen von Windsurfern ankündigt, bekommt das Niolo wenig ab.

Die winzigen Dörfer Lozzi, Corscia und Casamaccioli thronen mit ihren brüchigen, aber hochmütigen Häusern über der wenig besiedelten Hochebene. Die Landflucht hat hier nicht haltgemacht. Viele sind ausgezogen. Die, die geblieben sind, leben von der Schafzucht und der Landwirtschaft und jobben im Sommer als Kellner oder Saisonaushilfe an der Küste.

Die Naturschönheiten machen das Niolo. anziehend. Korsikas höchster Berg, der 2710 Meter hohe Monte Cinto, eignet sich vorzüglich zu Klettertouren, geübte Bergwanderer können den Aufstieg in vier Stunden schaffen. Bei Calacuccia, dem Hauptort, hat man 1968 den Golo gestaut. Der so entstandene künstliche See lockt Angler und Segler an. Viel touristische Infrastruktur gibt es nicht. Unterkunftsmöglichkeiten sind spärlich, nur in Calacuccia stehen zwei nennenswerte Hotels, mit schlichtem Komfort, aber durchaus stolzen Preisen. Reisende ziehen da oft die Campingplätze an den Ufern des Stausees vor.

„Die Fremden erwarten von uns Werbeprospekt-Tourismus“, sinniert der kahlköpfige Jean-Luc, „mit fidelen Hirten in Trachtenkleidung und einer bequemen Sesselbahn zum Gipfel des Monte Cinto.“ Dabei könnte Jean-Luc selbst schon eine Touristenattraktion sein. Er hat nämlich die seltene Ehre, Wirt der höchstgelegenen Schenke auf der ganzen Insel zu sein. Die „Bar chez Jean-Luc“ befindet sich in Calasima, der höchstgelegenen Ansiedlung in 1095 Meter Höhe gleich am Fuße des Monte-Cinto-Massivs.

In der Mittagsstunde, wenn die Sonne unbarmherzig auf die Häupter brennt, suchen die Männer kühle Zuflucht in der kleinen, mit nur zwei Holztischen und einigen wackeligen Stühlen ausgestatteten Wirtsstube. „Im Winter hatten die Schneemassen die einzige Zufahrtsstraße zum Dorf blockiert. Es dauerte fünf Tage, ehe uns die Schneeraupe den Weg freischaufeln konnte“, erzählt einer der Gäste, während er die Belotte-Karten zu einem neuen Spielchen mischt. „Gottlob ist uns der Pastis nicht ausgegangen.“