Über Helga Schuchardt, Krista Jussenhoven, Jürgen Flimm, Springers Zeitungen – und die Zukunft des Hamburger Thalia Theaters

Von Benjamin Henrichs

Man wagt es gar nicht zu schreiben, die Hand beginnt zu zittern, und doch ist es wahr: ein Gespenst kehrt zurück. Die „Hamburger Theaterkrise“, in den späten siebziger Jahren eine wahrhaft unendliche Geschichte, ein zuletzt nur noch quälendes Drama in mehreren hundert Akten, steht vielleicht bald schon wieder auf dem Programm. Die wackere Helga Schuchardt, seit kurzem Kultursenatorin der Hansestadt Hamburg, scheint entschlossen zu sein, auch hierin die Nachfolge ihres unvergessenen Vorgängers, des Professors Tarnowski, anzutreten.

Alles begann damit, daß Peter Striebeck, Intendant des Thalia Theaters, den weisen Entschluß faßte, 1985 in seinen eigentlichen Beruf, den des Schauspielers, zurückzukehren. Guten Willens, doch glücklos (und für dieses Amt wohl auch zu arglos) hatte er es sich zuletzt mit allen verdorben – vielleicht, weil er zu lange allen gefallen wollte.

Es folgte das unvermeidliche, zwangsläufig unschöne Schauspiel „Intendantensuche“ – mit all den dazugehörenden Nachrichten, Gerüchten, Intrigen, Lügen. Das Königsdrama, auf die Maßstäbe der Lobby-Demokratie geschrumpft. Die neue Senatorin tat lange Zeit das Klügste: sie schwieg; berief sich auf das Recht des Neulings, sein neues Amt zu lernen. Dann aber fing sie plötzlich an zu reden – und vorbei war’s mit der Klugheit.

Denn tagelang irritierte die Senatorin (von ihrer Pressesprecherin tatkräftig unterstützt) die unruhige Öffentlichkeit mit geheimnisvollen Andeutungen, sie werde das Amt des Thalia-Intendanten womöglich einer Frau anvertrauen: „Es stört mich, daß hier ein Bereich chemisch rein, nämlich männlich rein gehalten wurde, das bedarf dringend der Korrektur.“ So lange redete und raunte Frau über Frau, daß man annehmen mußte, das weibliche Geschlecht des ominösen Kandidaten sei das wichtigste (vielleicht sogar das einzige) Kriterium für seine/ihre Berufung.

Gepflegter Stil, breite Palette