Von Christian Schmidt-Häuer

Warschau, im April

Aus dem Meer der Menschen heben sich, wie von einer plötzlichen Woge getragen, ungezählte Kreuze zum Himmel. Gleich einem tausendfachen Schwur strecken sich die zum V-Zeichen gespreizten Finger dem blassen Mond entgegen. Im Schlußgesang der Rota, jenem Lied von der Treue zum Vaterland, das aus der Zeit der polnischen Teilungen stammt, verbinden sich Kraft und Harmonie der Stimmen zu einer Inbrunst, die kaum noch von dieser Welt zu sein scheint.

Die singende Menge drängt sich vor der Warschauer Stanislaw-Kostka-Kirche, weil das Gotteshaus völlig überfüllt ist. So entschlossen wie hier wird heute in keiner großen Kirche Polens, Danzig ausgenommen, Widerstand im Geist und Disziplin im Handeln gepredigt. Vor dem letzten „Gott schütze Polen“ hat das neue, 35jährige Idol der Gläubigen, Priester Jerzy Popieluszko, noch einmal gewarnt: „Auf dem Heimweg singen und rufen nur Provokateure.“ Und: „Wir nehmen keine Flugblätter mit, auch wenn sie jemand im Priesterrock verteilt.“

So werden die Gläubigen aus der letzten großen Messe vor dem 1. Mai in die täglich wachsende, zum Teil künstlich angeheizte Stimmung entlassen. Still und bestärkt machen sie sich auf in die Dunkelheit, die den Troß der Polizeiwagen verbirgt. Die Sicherheitskräfte halten sich zurück, statuieren kein Exempel zur Einschüchterung, wie am 13. April vor der Anna-Kirche, als sie auf alles einschlugen, was jung war. Doch wie immer die Führung auch agiert, viele der Gläubigen werden sich nicht davon abbringen lassen, jener Information zu folgen, die sie auf dem Heimweg von der Stanislaw-Kirche zum Beispiel in Telephonzellen finden können: „Am 1. Mai um zwölf Uhr Gottesdienst in der Kathedrale.“

Wird dann die Menge nach dieser Messe in der Johannes-Kathedrale, wie im vergangenen Mai, durch die engen Gassen der Altstadt auf den Schloßplatz drängen? Wird daraus in Warschau die Demonstration ihre Massenkraft gewinnen, die sich das „Provisorische Koordinationskomitee“ (TKK) der Solidarność in ihrem, mit Walesa im Untergrund abgesprochenen Aufruf wünscht? Die Medien warnen die Bevölkerung und verunglimpfen Solidarność mit täglich wachsender Hysterie.