Wie die Roeblings aus Thüringen das größte Ingenieurwerk des Jahrhunderts schufen

Von Barbara Ungeheuer

Es ist früher Morgen. Auf dem Weg über den Fluß klopft jeder Schritt auf die hölzerne Laufplanke. Fünfzig Meter über dem East River, weit über den Geräuschen der erwachenden City sind nur die Wagen in Richtung Brooklyn und Manhattan hörbar. Ihre Reifen surren über das stählerne Netzwerk der sechsspurigen Brückenfahrbahn, wenige Meter unter der Promenade.

Die neue Sonne verglitzert die gläsernen Hüllen der Bürotürme an der Südspitze von Manhattan, und von der Aluminiumhaut der Zwillingstürme des World Trade Center direkt gegenüber springen die Strahlen als Blitze zurück. Auch die große alte Dame, die viel weiter zur Linken am noch dunstigen Horizont aus dem Wasser tritt, bringt ihre Fackel an den neuen Tag;

Im orangenen Morgenlicht scheint der Brückenstahl in einem einzigen großen Satz über den fast 500 Meter breiten Wasserweg zu springen, und das silbrige Netzwerk der Kabel verwandelt sich in der Sonne in ein schimmerndes Fischnetz, durch das die Lastkähne, Schlepper und Motorboote zu sehen sind, die in ewig wechselnder Formation im breiten East River schwimmen.

Eine Hängematte zum Träumen ist diese Brooklyn-Brücke.

Als an einem Maitag vor hundert Jahren der Präsident der Vereinigten Staaten, Chester A. Arthur, das Band durchschnitt und die größte Hängebrücke der Welt zu „einem Monument der Demokratie“ erklärte, hatte ein Krämer aus Brooklyn für das Ereignis, auf das man auf beiden Uferseiten 14 Jahre lang gewartet hatte, noch bedeutendere Worte gefunden. Am Eröffnungstag der Brücke stand sein Klartext im Ladenfenster: „Babylon hatte seine hängenden Gärten, Ägypten die Pyramiden, Athen seine Akropolis, Rom das Athenäum, und Brooklyn hat jetzt seine Brücke.“