Medienskandal Fälschungen oder Das Große im KleinenSeite 4/8
Über die echten Tagebücher der Eva Braun glaubt indes der unermüdliche David Irving Bescheid zu wissen. Sie seien, so schrieb der findige Nazi Forscher, im Sommer 1945 von einem in Stuttgart Backnang stationierten CIC Team beschlagnahmt worden. Irving will den Leiter des Teams längst in Neu Mexiko aufgespürt haben. Doch vergebliche Findermüh: „Obgleich er das Faktum xugab, konnte ich ihn nicht überreden, die Unterlagen der historischen Forschung zur Verfügung zu stellen; möglicherweise hat er sie längst an einen Händler verkauft (Irving) Fälschungen und Geschichtslügen, getürkte Urkunden und frisierte Historien gibt es seit dem Altertum. Die Griechen, berüchtigt für ihre Betrügereien, fanden bald auch in Rom Nachfolger, die ihnen in nichts nachstanden. Im Mittelalter schließlich hatten Fälscher Hochkonjunktur, galten Urkundenfälschungen als regelrechter Bestandteil der Politik.
Die folgenreichste mittelalterliche Fälschung ist die sogenannte Konstantinische Schenkung. Angefertigt wurde das Dokument um das Jahr 750 von der römischen Kurie, Hauptzweck war die Stärkung des Papsttums durch die Anerkennung des Bischofs von Rom als „Fürst der Bischöfe" und „Haupt der Christenheit".
In der plump gefälschten Schenkung wendet sich der oströmiscne Kaiser Konstantin an Papst Silvester und alle katholischen Bischöfe: Er erhöhe die Papstkirche über sein eigenes Kaisertum und überlasse ihr Rom „und alle Provinzen Italiens und der westlichen Lande" zu Eigentum. Erst 700 Jahre später endarvte der Humanist Lorenzo Valla die „Konstantinische Schenkung" als groteske Fälschung.
Die Folgen waren indes nicht mehr aufzuhalten: Der Papst wurde durch das Dokument zum Eigentümer Roms und aller westlichen Provinzen des Römerreichs; damit war für den jahrhundertelangen Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum der Keim gelegt.
Gefälscht ist auch die Geburtsurkunde des Hamburger Hafens, jener berühmte „Freibrief Kaiser Friedrich Barbarossas vom 7. Mai 1189. Nicht der greise Rotbart, sondern Graf Adolf von Schauenburg erteilte die Genehmigung, an Elbe und Alster einen Hafen anzulegen, was eine Reihe wichtiger Privilegien bedeutet hätte. Den „Freibrief" stellten sich die strebsamen Hamburger selber aus.
Die angeblich von Barbarossa verliehene Urkunde trägt nämlich ein Siegel seines Enkels Friedrich II, der von 1212 bis 1250 regierte. Schriftart und Inhalt suggerieren, daß der „Freibrief" nicht im zwölften, sondern im dreizehnten Jahrhundert entstand. Und schließlich wird die Urkunde erst 1266 erwähnt. Fazit: Das Dokument ist eine erst lang nach 1189 entstandene Fälschung. Doch niemand hats im Mittelalter gemerkt. Es wäre ja auch ein teurer Spaß geworden: die Hamburger mußten für ihre Privilegien immerhin gut zwei Millionen Mark Falscherkpsten berappen. Eines der berühmtesten Falsifikate des Mittelalters ist das Privilegium majus. Da sich der jährige Herzog Rudolf IV von Habsburg 1356 bei der Privilegienverleihung an die deutschen Kurfürsten durch Kaiser Karl IV übervorteilt wähnte, sann er auf Rache. Im Jahr 1358 ließ er klammheimlich eine von Kaiser Barbarossa 1156 für Österreich ausgestellte Urkunde, das später sogenannte „Privilegium minus", zum „Privilegium majus" umfrisieren.
Zweck der Fälschung: die Einführung des Titels „Erzherzog" für das Haus Habsburg. Diesem bislang unbekannten Adelsprädikat ließ Rudolf eine Reine von Privilegien zuschlagen, die denen der deutschen Kurfürsten in nichts nachstanden. Kaiser Karl IV, dem der Habsburgersproß keck die gefälschten Urkunden präsentierte, kam dies alles nicht recht koscher vor. Er hieß den Humanisten Francesco Petrarca eine Expertise erstellen. Ergebnis: die Urkunden sind Fälschungen.
- Datum 13.05.1983 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.5.1983 Nr. 20
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