Von Theo Sommer

Am 16. Juli vorigen Jahres trafen sich der amerikanische INF-Unterhändler Paul Nitze und sein sowjetischer Kollege Julij Kwitzinskij ohne Trara in einem Landgasthaus nahe Saint-Cergue am Genfer See. Nach dem Mittagessen spazierten sie ein Stückchen durch den Wald. Dabei überreichte Nitze dem Sowjetdiplomaten ein Papier, das in mehreren Absätzen einen Kompromißvorschlag für die festgefahrenen Verhandlungen über die Begrenzung der atomaren Mittel-Streckenwaffen in Europa enthielt. Kwitzinskij studierte das Schriftstück und änderte den Text an einigen Stellen. Das Ergebnis war nach einer Darstellung „achtzig Prozent Nitze, zwanzig Prozent Kwitzinskij“. Die Diplomaten erinnerten einander daran, daß keiner seine Regierung festlegen könne. Doch hielten sie beide die Einigungsformel, die bei ihrem Waldspaziergang herausgekommen war, für einleuchtend.

Die Waldgänger-Formel sah im einzelnen vor:

  • Beide Seiten begrenzen die Zahl ihrer operativen Raketeneinheiten im europäischen Mittelstreckenbereich auf je 75 : 75 amerikanische Abschußgestelle für Marschflugkörper (Cruise Missiles) vom Typ Tomahawk in Westeuropa und 75 sowjetische SS-20 im Räume westlich Nowosibirsk. Da eine SS-20 drei Sprengköpfe trägt, für Tomahawk-Abschußgestelle jedoch vier Cruise Missiles mit je einer Gefechtsspitze vorgesehen sind, verschaffte dies den Amerikanern bei den Sprengköpfen einen Vorteil: 300 gegenüber 225 sowjetischen; damit sollte die höhere Geschwindigkeit der SS-20 kompensiert werden.
  • Dafür verzichten die Amerikaner darauf, die Pershing II aufzustellen (die von der Bundesrepublik aus bis dicht vor Moskau schießen kann und angesichts ihrer kurzen Flugzeit wie ihrer Zielgenauigkeit von den Sowjets besonders gefürchtet wird).
  • Die Zahl der in Asien – östlich des 80. Längengrades – aufgestellten SS-20-Raketen wird auf 90 (270 Sprengköpfe) begrenzt.
  • Für Mittelstreckenbomber wird eine Höchstgrenze von jeweils 150 Vereinbart.

Es steht dahin, welche Vollmachten die beiden Unterhändler tatsächlich hatten. Nitze handelte immerhin im Einvernehmen mit Eugene Rostow, dem Chef der US-Abrüstungsbehörde (der im Januar 1983 seinen Hut nehmen mußte). Und Kwitzinskij ist ein alter Hase im Ost-West-Geschäft, von dem sich westliche Profis kaum vorstellen können, daß er ganz ohne Netz gearbeitet hätte. Vielleicht war er ja zu Sondierungen ermächtigt und wurde später von Moskau desavouiert – genauso wie sein amerikanischer Gesprächspartner von Washington.

Im August 1982 fanden in der US-Hauptstadt zwei Rüstungskontroll-Sitzungen statt. Bei der ersten erhob niemand gewichtige Einwände gegen die Waldgänger-Formel, auch nicht Verteidigungsminister Weinberger oder seine Stabschefs. Die Militärs hielten sogar den Verzicht auf die Pershing II für vertretbar. Aber dann trat Richard Perle, im Pentagon Unterstaatssekretär für Internationale Sicherheit, in Aktion. Er hatte bei der ersten Sitzung gefehlt; vor der zweiten legte er nun seinen Minister auf totale Ablehnung fest. „Eine der Schwierigkeiten war die Eliminierung der Pershing II“, erklärte er der ZEIT. „Hätten wir sie einfach fallenlassen, so könnte das Schmidts Sturz bewirkt haben.“ In der Pershing-Aufstellung sah Perle überdies den „politischen Eckstein“ des Nato-Doppelbeschlusses. Reagan schloß sich der harten Linie an. Angeblich erhielten Rostow und Nitze eine Rüge aus dem Weißen Haus – wegen Überschreitung ihrer Kompetenzen.

Außenminister Shultz wurde beauftragt, bei seinem Treffen mit Gromyko am 28. September die amerikanische Ablehnung der Waldgänger-Formel zu übermitteln, aber ausdrücklich den Nitze-Kwitzinskij-Kanal offenzuhalten. Der stellvertretende US-Außenminister Dam bestätigte diese Version auf etwas verquere Art gegenüber der ZEIT: „Die Annahme ist bösartig, wir hätten die Nitze-Kwitzinskij-Gespräche abgelehnt. Gewiß, wir waren nicht bereit, auf jener Basis abzuschließen. Aber Nitze wurde mit der expliziten Weisung nach Genf zurückgeschickt, den Gesprächskanal weiter zu benutzen. Doch als Nitze in Genf eintraf, sagte ihm Kwitzinskij nicht nur, daß der Spaziergangs-Kompromiß unannehmbar sei, sondern daß auf diesem Kanal auch nicht weiter verhandelt werden dürfe.“