Karl Jaspers zu seinem Studenden GM im November 1931: „Haben Sie gelesen, was der Ludwig Marcuse über mein Büchlein geschrieben hat?“ Ich hatte. Marcuse, in Leopold Schwarzschilds Wochenschrift „Das Tagebuch“, fand am „Büchlein“, an der „Geistigen Situation der Zeit“, manches Treffende, rügte aber, daß der Autor kein Pazifist und nicht unbedingt gegen einen „nächsten Krieg“ sei. Jaspers, an sich empfindlich gegenüber jeder Kritik, nahm Anstoß an dieser und erklärte mir warum. Wenn ein Krieg unvermeidlich sei, dann wäre es die Aufgabe des Staatsmannes, ihm einen geschichtlich relevanten Sinn zu geben, derart, wie der „Weltkrieg“, ein Krieg zwischen Deutschen, Briten und Romanen, ein Verrat an Europa, ihn eben gerade nicht gehabt hatte. Ob in solchem Gedanken wohl ein Lob des Krieges sich verstecke? ... Ich las jene Seiten noch einmal und fand weitere Einschränkungen: Für einen „geschichtlich gehaltvollen“ Krieg sei durchaus keine Möglichkeit sichtbar. „Wie die Kampffronten einmal liegen werden, ist unausdenkbar; oder besser, jede Weise, wie man sie sich ausdenkt, ist absurd ...“ Aber, und dieser Gedankengang charakterisiert das ganze Buch, ein endgültiger Friede ist ebenso undenkbar und ein neuer europäischer Krieg früher oder später wahrscheinlich, wobei jedes Bündnis in Frage kommt, eines so sinnlos wie das andere, etwa ein deutsch-russisches gegen die Westmächte. „Die Schwierigkeit ist die Verschleierung auf beiden Seiten. Die zum Kriegswillen erregenden Schaustellungen militärischer Dinge zeigen nicht die Bevölkerungen bei Gasangriffen, nicht den Hunger und das wirkliche Sterben. Die pazifistischen Argumente verschweigen, was es heißt, versklavt zu werden. ... Beide verdecken den Untergrund des Bösen, das der dunkle Ausgang aller Kräfte ist, die im Krieg sich entladen ...“ Im Resultat eines solchen Hin und Her verlangt Jaspers „Wahrhaftigkeit“, und zwar als allgemeine Pflicht; ein Berufsheer, wie es das deutsche im Jahre 31 war, könnte jederzeit sich zum Herren über das eigene Land machen. Was die „Reichswehr“ bekanntlich niemals tat. Als ebenso unbegründet erwies sich die Bemerkung des Philosophen, die Vereinigten Staaten könnten zusammen mit England jeden Krieg auf Erden verbieten... Solche Irrtümer gibt es in dem Buch einige und stammen aus der gleichen Quelle: aus einem unbeugsamen und im Willen sich übertreibenden, melancholischen Realismus, der wieder mit dem Jasper’schen Streben nach unbedingter Redlichkeit zu tun hat. Hier ist der Einfluß von Max Weber spürbar. So kommt auch auf schier jeder Seite das Wörtlein „scheint“ vor. Zeit seines Lebens ein Feind derer, die das ewig ungreifbare, ewig unerkennbare „Ganze“ zu erkennen behaupten, vor allem des Marxismus, auch der Freud’schen Schule, überwacht er sein eigenes Vokabular: Er weiß nicht, aber das und das scheint so und so zu sein. In solcher Vorsicht geht er mir zu weit; übrigens verleugnet er sie dennoch in seinen Überschriften, die recht klar und handfest sind: „Massenordnung in Daseins-Fürsorge“, „Die moderne Sophistik“, „Unmöglichkeit einer beständigen Daseinsordnung“.

Wer das Buch heute liest, wird vor allem fragen: Was hat dieser stolze Sonderling, der recht eigentlich, eine lebenslange Krankheit als willkommenen Schutz, gebrauchend, im „Elfenbeinturm“ wohnte, was hat dieser ungeheuer diszipliniert ganz seiner Arbeit lebende Philosoph aus nur scheinbarer Weltferne vorausgesehen oder schon gesehen, was heute noch ist? Darauf die erste, noch oberflächliche Antwort: Er sah einiges nicht, was damals doch schon war. Selber der Erfinder der Wortkombination „Massenordnung in Daseins-Fürsorge“ – womit er das heute sogenannte „soziale Netz“ meinte –, bemerkte er nicht, daß es sich doch um eine höchst kümmerliche und im Herbst 1931, als sein Buch erschien, im Zusammenbruch befindliche Daseinsfürsorge handelte. Er erwähnt die „Weltwirtschaftskrise“, die schreckliche Armut nicht. Was er dagegen weiß und begründet: daß eine unveränderliche „Daseinsordnung“ unerträglich wäre und daß sie nicht sein kann. Sie muß immer neue Gestalten hervortreiben, das Chaos ist eine mögliche davon. Er spricht – schon – von der „Vermassung“ der Universitäten, ohne hinzuzufügen, daß jene „Massen“ keinerlei Aussicht hatten, nach Beendigung ihres Studiums passende Arbeit zu finden. Er spricht von „Bolschewismus und Faszismus“, Irrwegen natürlich, Ersatz-Autoritäten, falschen Totallösungen, aber über den „Nationalsozialismus“, dessen Führer schon an die Pforten der Allmacht pochten, lesen wir kein Wort. Solche Auslassungen erklären sich durch die Chronologie. Das Buch erschien zwar im Herbst 1931, dürfte aber im Lauf des Jahres 29 geschrieben worden sein. Im Sommersemester 1930 trug Jaspers es in der Aula vor unter dem nicht ganz passenden Titel „Einführung in die Philosophie“, und dieser akademische Lehrer pflegte seine Kollegs sehr gründlich auszuarbeiten. Danach sah er keinen Grund, noch etwas daran zu ändern, zumal er eben nicht von diesem Jahr, sondern von der „Zeit“, der Epoche handeln wollte.

Eine Prophezeiung trat ein knappes Jahrzehnt später buchstäblich ein: „Will man den Krieg um jeden Preis verhindern, so wird man blind hineintaumeln, wenn man von den anderen in die Situation manövriert ist, in der man ohne Krieg vernichtet oder versklavt wird.“ Hier ist die Situation der europäischen Westmächte 1939/40 vorweggenommen, natürlich ohne daß er gerade an diesen Fall gedacht hätte; er war nur einer unter vielen möglichen. Was er nicht voraussehen konnte: einen Weltzustand, der zwar unzählige Sonderkriege erlaubt, den Krieg, den großen, universalen aber nicht mehr, einen Zustand, in dem eben darum auch echter Friede unmöglich ist. Nun, davon wußte er ein Vierteljahrhundert später – in seinem Buch „Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit“ –, als die Zeit gekommen war.

Oft wird der Leser über die Aktualität des Buches staunen: wie viel damals schon war und erkennbar war, obgleich in bescheideneren Dimensionen, was heute noch ist. Jugend sei Trumpf, schreibt er, wer über vierzig sei, müsse schon seine Unbrauchbarkeit befürchten, fühle sich ausgestoßen; unter dem Deckmantel der Vergnügens-Angebote, der rasch wechselnden Moden, herrsche Lebensangst und Angst vor der Leere des Lebens. Aber überall soll „Demokratisierung“, „Mitbestimmung“ sein, beide Worte gebraucht er, schon bei den Kindern. „Man möchte Herrschaft überhaupt abschaffen.“ Und er beschreibt die „permissive“ Gesellschaft, ungefähr, wie gut zwei Jahrzehnte später David Riesman in seinem Buch über die „Einsame Menge“ es tat; die Gesellschaft, die keine Werte mehr kennt, außer jene, die der Eine dem Anderen jeweils abschaut. Genau wie Riesman sieht er den veränderten Charakter der Arbeit, des Berufs; selbst der gute alte Hausarzt verschwindet, das Spital wird zum Betrieb wie ein anderer, und so fort. Nur: den amerikanischen Soziologen amüsieren seine Feststellungen. Jaspers leidet unter ihnen und sucht Gegenkräfte. Daß er in der Familie eine solche Gegenkraft, eine Zelle des Widerstandes sieht, nimmt wunder; wie mochte er glauben, daß gerade sie dem „Zeitgeist“ unüberwindlichen Widerstand leisten würde? Ein anderer Born der Hoffnung: die Philosophie. Und zwar ist es ganz offenbar seine Philosophie, die er zum Trost anbietet.

Ein zugleich aktuelles und veraltetes Buch. Warum das letztere? Jaspers stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert, so tapfer er sich im zwanzigsten hielt. Er gehörte zu der ersten Generation geistiger Herren, bürgerlicher Aristokraten, welche sich mit der „Massengesellschaft“ auseinanderzusetzen hatten. So er, so Ortega mit seinem gleichzeitigen Buch vom „Aufstand der Massen“. Daher die Erschütterung, der bei aller Selbstbeherrschung ins Apokalyptische schweifende Ton; ja, und dann der Hochmut. Die folgende Generation, jene des Schreibers dieser Zeilen, erlebte das alles schon ganz anders, obgleich doch, äußerlich gesehen, heute noch ärgere Apokalypsen drohen als damals. Wir haben erfahren, daß die „Massen“ in ihren Möglichkeiten ungleich mannigfaltiger sind als jene frühen Traurigen und Stolzen annahmen, daß es sehr zahlreiche Stufen von Bildung gibt, nicht „Massen“ hier, „Philosophen“ dort; daß Schriftsteller von höherem Ehrgeiz ihre Leser oder Hörer und Zuschauer auch heute finden, und zwar nicht weniger als damals, wahrscheinlich mehr. Gerade die „Massenmedien“, zu denen wir selber beizutragen uns nicht schämen, haben uns den Hochmut ausgetrieben.

Auch die besten Propheten – aber dieser hätte den Namen entschieden abgelehnt – sehen aus ihrer Gegenwart heraus nur einige Aspekte der Zukunft, nie das „Ganze“. Worin gerade Karl Jaspers, der Philosoph des „Scheiterns“, keine Kritik sehen dürfte. Golo Mann

Golo Mann, Historiker und Schriftsteller, veröffentlichte u. a. die Biographie „Wallenstein“.