Das Buch beginnt mit einem Märchen. Oft des Geschehens ist eine kleine Stadt im Herzen Amerikas. „Die Stadt lag inmitten blühender Firmen mit Kornfeldern, deren Gevierte an ein Schachbrett erinnerten, und mit Obstgarten an den Hängen der Hügel, wo im Frühling Wolken Weißer Blüten über die grünen Felder trieben. Im Herbst entfalteten Eiche, Ahorn und Birke eine glühende Farbenpracht, die vor dem Hintergrund aus Nadelbäumen wie flackerndes Feuer leuchtete. Damals kläfften Füchse im Hügelland, und lautlos, halb verhüllt von den Nebeln der Herbstmorgen, zog konnte über die Äcker.“ Natur schildern, das konnte die Amerikanerin vorzüglich, damit hatte sie in den fünfziger Jahren einen mit ehrenvollen Preisen belohnten Bestseller über das Meer geschrieben. Rachel Carson tätige nicht nur die Natur; die in der Forschung tätige Biologin verstand viel von Tieren und Pflanzen, insbesondere von den komplexen Abhängigkeiten der Arten voneinander, die wir heute so gerne Ökologie nennen.

So war, was die kleine, hausbacken wirkende Frau in vielen Beiträgen zu Fach- und Publikumszeitschriften, gelegentlich auch in Schulbüchern schrieb, erbaulich und belehrend zugleich. Doch Ende 1960, als sie sich vornahm, wieder ein Sachbuch über die Natur zu schreiben, war nicht mehr der Wunsch, ihre Liebe zur Kreatur und ihr. Wissen in populärer Sprache anderen mitzuteilen das Motiv, sondern Zorn, Verbitterung über die „sogenannte Zivilisation, die ehrlicher mit Habgier, Egoismus und Dummheit der Menschen zu bezeichnen wäre“.

Im Frühjahr 1962 erschien „Der stumme Frühling“ – die Bibel der damals noch zaghaften Ökologie-Bewegung. Der Titel bezieht sich auf das eingangs erwähnte Märchen von der bezaubernden Stadt, in der sich eine schleichende Seuche ausbreitet. Die Blätter der Bäume werden unansehnlich, die einstige Blütenpracht ist verkümmert, den Wegesrand säumen keine bunten Sträucher mehr, Und vorüber ist, was Menschen aus allen Teilen des Landes im Frühjahr zu dem idyllischen Ort zog, der jubelnde Chor der Vögel. Es gibt kaum mehr welche, und die wenigen, die zitternd mit schütterem Federkleid irgendwo in Mauernischen hocken, sind verstummt.

Schuld an dieser „derzeit noch erfundenen Heimsuchung“ sind die Pflanzenschutzmittel, die Chemikalien zur Unkrautvernichtung und Insektenbekämpfung, allen voran das damals noch uneingeschränkt versprühte DDT.

Wie sich diese Gifte in die Nahrungsketten einschleichen, die roten Fäden, die sich von Mikroben, Gräsern, Algen durch die gesamte Tierwelt bis hin zum Menschen ziehen – langweilige Abhandlungen könnten dies beschreiben; bei Rachel Carson ist es spannende Lektüre. Dabei scheut sie sich nicht. Weit auszuholen. Ausführlich werden die von der Evolution erfundenen Mechanismen erklärt, vermöge derer sich das Gleichgewicht der Natur eingestellt hat – hatte, bis wir damit begannen, just diese delikate Balance zu stören, weil wir glaubten, die Natur zur übermäßigen Produktion unserer Nahrung überlisten zu müssen.

In bestürzenden Wechselbädern wird dem Leser von der gebildeten Erzählerin Carson ein Einblick in die pfiffigen Überlebenstricks der Pflanzen, Insekten, Spinnen, Vögel und Saugetiere gegeben und dann wieder von der streitbaren Doktorin die Flamme der Empörung geschürt.

Inzwischen sind viele anklagende Bücher über die Veruntreuung der Umwelt erschienen, düstere Prophezeiungen, enthüllende Schriften über Praktiken allzu gewinnsüchtiger Unternehmen. In diesem dröhnenden Konzert geht die eher zarte Stimme der Rachel Carson keineswegs unter. Sie brauchte keine ideologische Verbrämung ihres Kampfes gegen die Feinde der Natur, Sie überzeugt mit der soliden Kenntnis ihrer Wissenschaft und ihrem Erzähltalent Bewirkt hat sie damit nicht nur den Auftakt der neuen Bewegung in den sechziger Jahren, bewirkt hatte sie immerhin, daß der Gebrauch von Chemikalien zum Pflanzenschutz fast in aller Weit drastisch eingeschränkt wurde.