Die Urteile, die seit dem Erscheinen der Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ im Jahre 1845 abgegeben wurden, reichen von „eines der besten Werke der sozialistischen Weltliteratur“ (so Lenin) bis „Modell“ soziologischer Analyse (in einer Bibliographie der Unesco 1955). Ein positives Echo fand das Buch schon bei seinen Rezensenten im Deutschland des Vormärz, denn seine Formulierungen waren unverblümt.

Engels spricht, im Anschluß an Äußerungen der englischen Arbeiterbewegung, vom „sozialen Mord“: Dieser Tatbestand ist erfüllt, wenn Tausende von Menschen, vom Kleinkind bis zum vergreisten Vierzigjährigen, Arbeits- und Lebensbedingungen zum Opfer fallen, die nicht einmal das Existenzminimum sichern. Und Engels kennt auch den Täter: die Bourgeoisie des Inselreiches, liberal, dem freien Handel verpflichtet und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit beschäftigt, mit Hilfe neu erfundener Maschinen (dem mechanischen Webstuhl, der Eisenbahn) und einer verarmten Bevölkerung England zur industriellen Metropole der Welt zu machen.

Eine Anklageschrift. Für Sozialwissenschaftler, die sich darauf beschränken, überleitende Kommentare zwischen Statistiken und Tabellen zu verfassen, dürfte sie viel zu „unwissenschaftlich“, zu wenig „objektiv“ und zu „unausgewogen“ sein. Engels stellt sich nämlich schon äußerlich, in seiner Widmung „An die arbeitenden Klassen Großbritanniens ‚ auf die Seite seines Studienobjekts – unverzeihlich für einen Soziologen, zumal einen heutigen, der zwar computergerecht arbeiten mag, dem aber trotz umfangreichen Datenmaterials die gesellschaftliche Dynamik, die sich in den untersuchten Erscheinungen nur wie in Momentaufnahmen manifestiert, verborgen bleibt. Was Engels lieferte, war weitaus mehr als die damals verbreiteten Berichte über das Leben der Armen. Anklang beim lesenden Publikum fanden nämlich die Elendsschilderungen der sogenannten Pauperismusliteratur, deren bekanntester Vertreter Charles Dickens war. Ihre christlich-humanitär gesinnten Verfasser wollten die Mißstände beseitigen, aber nicht deren Ursachen. Sie erblickten, um einen Satz aus Marx‘ Proudhon-Kritik zu variieren, „im Elend nur das Elend, ohne die revolutionäre umstürzende Seite darin“ zu erkennen.

England gilt noch heute als Mutterland des industriellen Kapitalismus. In englischen Fabriken wurden zuerst im großen Maßstab Maschinen eingesetzt, im Vergleich mit heute primitiv anmutende Apparaturen, gleichwohl sehr effektiv. Es konnte mehr in kürzerer Zeit produziert werden, die maschinell hergestellten Produkte waren konkurrenzlos billig. Die Waren aus der Textilbranche, der damaligen Schlüsselindustrie, überschwemmten den Markt und schlugen die hauptsächlich durch Handarbeit verfertigten Produkte aus dem Feld.

Tausende kleiner Spinnereien und Webereien, meist Familienbetriebe, die auf dem Lande verstreut waren, hatten keine Arbeit mehr. Da etwa zur selben Zeit auch die Pachtzinsen für ihre kleinbäuerlich bewirtschafteten Äcker stiegen, verloren die Menschen hier ihre Existenzgrundlage. Die verarmende Landbevölkerung war für die neuen Fabriken ein einziges Arbeitskräftepotential. Wie Magneten zogen die rasch expandierenden Industriestädte die hungernden Menschen an. Und die nahmen jede Arbeit an, wenn sie überhaupt nur welche hatten.

Die Schilderungen, die Engels von den Lebens- und Arbeitsbedingungen der proletarisierten Bevölkerung gibt, sind unvorstellbar für die Verhältnisse in den heutigen Industrieländern; sie erinnern an diejenigen in Ländern der Dritten Welt: „Man gelangt über ein holpriges Ufer, zwischen Pfählen und Waschleinen hindurch in dies Chaos kleiner, einstöckiger und einstubiger Hütten, von denen die meisten ohne allen künstlichen Fußboden sind – Küche, Wohn- und Schlafzimmer, alles vereinigt. In einem solchen Loche, das kaum sechs Fuß lang und fünf breit war, sah ich zwei Betten – und was für Bettstellen und Betten – die nebst einer Treppe und einem Herd gerade hinreichten, um das ganze Zimmer zu füllen. (...) Vor den Türen überall Schutt und Unrat.“ Jede Hygienevorsorge fehlte. Es gab keine Brunnen, keine Toiletten, nur meist offene Abtritte, keine andere Möglichkeit, als die Abfälle auf die engen, verschlammten Gassen zu werfen. In solchen Gegenden traten die periodisch wiederkehrenden Cholera- und Typhusepidemien besonders heftig auf. Engels schreibt, daß 1840 etwa 57 Prozent der Arbeiterkinder aus den Elendsvierteln von Manchester vor Vollendung des fünften Lebensjahrs starben.

Der krasse Gegensatz von Armut und Reichtum, hervorgerufen durch eine ungebremste und rücksichtslose kapitalistische Entwicklung, hatte für Engels und dann für Marx Modellcharakter. Wenn die Arbeit von Friedrich Engels eine historische Wirkung hat, dann vor allem die, der ökonomischen und revolutionären Theorie von Marx die ersten empirischen Voraussetzungen geliefert zu haben. Ganze Passagen des „Kommunistischen Manifest“ von 1848 lesen sich wie Zusammenfassungen der wichtigsten Aussagen von Engels’ Schrift.

Die Geschichtlichkeit des Buches erwies sich nicht nur darin, daß es „den Stempel der Jugend des Verfassers“ trug, wie Engels im Vorwort zur zweiten deutschen Auflage 1892 bemerkte. Vor allem verschwanden die rohen Ausbeutungsmethoden, seitdem nach der Wirtschaftskrise von 1847 die englische Industrie einen unvergleichlichen Aufschwung erlebte. Der Weltmarkt entstand, und den beherrschten wie Monopolisten die englischen Industriellen. Von dieser Entwicklung profitierten nicht zuletzt die Arbeiter: Die Löhne stiegen, der 10-Stunden-Tag wurde eingeführt, die Gewerkschaften waren als Tarifpartner anerkannt, und auch die Lohnverhältnisse besserten sich.

Trotz der unvermeidlichen Historisierung bietet das Buch von Engels dem heutigen Leser einiges an aktuellen Parallelen, So war ich überrascht zu erfahren, daß die Einwanderer aus Irland in der englischen Industrie eine Stellung hatten wie die türkischen in der bundesdeutschen. Die Iren mußten jede Dreckarbeit zu niedrigsten Löhnen annehmen, wohnten beziehungsweise hausten in Kellern, standen kulturell „unter“ den englischen Arbeitern, waren von anderem Temperament, beinahe „südländisch“.

Schließlich hat der Text eine weitere Aktualität: Waren damals Spinnmaschinen und mechanische Webstühle „Jobkiller“, so sind dies heute Computer und Mikroelektronik. Die Industrialisierung führte zur Umstrukturierung der ganzen Gesellschaft, einhergehend mit Massenverelendung, Auswanderungsbewegungen, unter dem politischen Vorzeichen des Wirtschaftsliberalismus. Welche Folgen die heutige „Automatisierung“ hat, ist noch nicht abzusehen. Allerdings kündigt das Wiederaufleben der „Angebotsökonomie“, des Neo-Liberalismus vom Schlage Reagan, Thatcher, Lambsdorff die Richtung an, die man einzuschlagen gewillt ist. Zu solch kapitalistischen Problemlösungen, ausgetragen auf dem Rücken der Arbeitslosen und der Besitzer eines Arbeitsplatzes, die Angst vor Entlassung haben und sich deshalb jede Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen gefallen lassen, dazu liefert das Buch von Engels Anschauungsmaterial.

Günter Wallraff

Günter Wallraff, ob mit offenem Visier arbeitend wie in seinem Griechenland-Buch „Unser Faschismus nebenan“ und seinen Industrie-Reportagen oder verlarvt wie bei seinem Springer-Buch „Der Aufmacher“, hat die soziale Reportage zu einer eigenen Kunstform entwickelt.