Zeitmosaik
Über aller staatlichen Kunstförderung steht das Verfassungsgebot, den eigengesetzlichen Rahmen der Kunst zu achten und zu wahren und sich jeder Einflußnahme auf Methoden, Inhalte und Tendenzen der Kunst zu enthalten. Es ist dem Staat untersagt, durch seine Förderungsmaßnahmen einzelne Kunstrichtungen zu bevorzugen, andere dagegen zu benachteiligen oder in ihrer Entwicklung zu hemmen. Der Staat soll Kunstförderer, aber nicht Kunstrichter sein...
Der bayerische Kultusminister Hans Maier in einer Rede zur Feier des 175jährigen Bestehens der Akademie der bildenden Künste in München
Bachs unheilige Fuge
Über zwölf Jahrhunderte Musikgeschichte lehren, wie schwer sich die Katholische Kirche zu allen Zeiten mit der Musik tat und noch tut: Frei nach dem Petrus-Brief 5,8 geht ja auch in der Kunst „euer Widersacher, der Teufel, umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“. Der Köder: das Weltliche, die reine oder autonome Musik. Zwar haben die Seelenhirten einmal einen fürchterlichen Irrtum begangen, als sie das Jahrmarkt-Instrument Orgel in die Heiligen Hallen hineinließen, aber weder die Komponisten noch die Organisten kamen in der römisch-katholischen Abteilung je über das künstlerische (und soziale) Mittelmaß hinaus. Umgekehrt schmücken sich so manches Rundfunkprogramm und jede Geistliche Abendmusik mit Werken, denen beim besten Willen nichts die Geistlichkeit oder gar Religiosität zu bescheinigen vermag, es sei denn, daß ein zwar gottesfürchtiger, aber musikgeschichtlich unbedarfter Mensch die Bezeichnung „sonata da chiesa“ falsch genug verstanden hätte. Ein neues Kapitel in der Geschichte der musikalischen Teufelsaustreibung versuchten jetzt die geistlichen Vordenker im bayerischen Donauwörth: Als dort dem Komponisten Werner Egk der Begräbnis-Gottesdienst zelebriert und gesungen wurde, durfte der letzte Wunsch des Künstlers nicht erfüllt, Bachs (vielleicht gar protestantische?) „Kunst der Fuge“ nicht gespielt werden. Wenn stimmt, was die Süddeutsche Zeitung meldet, daß nämlich irgendein Klerikaler argumentiert habe, „das konzertante Stück für Geigen“ sei „keine reine Kirchenmusik, was die Liturgie durchbreche“, sollte der Theologe sich schleunigst melden – er hätte ein großes Rätsel der Musikwissenschaft gelöst, die Frage nämlich beantwortet, für welche(s) Instrument(e) Bach dieses sein Kompendium der großen alten polyphonen Satztechnik wohl gedacht und komponiert haben mag. Darüberhinaus wäre zu fragen, wieviel von dem, was der siebzigjährige Donauwörther Zelebrans Johannes Overath, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Kirchenmusik und Mitverantwortlicher für das Verdikt, wie die meisten seiner Amtsbrüder sonn- und feiertäglich an Gregorianischen Gesangskünsten abliefern, wohl noch als „reine“ Kirchenmusik angesehen werden darf, die (auch für Musiker) die Liturgie nicht durchbreche. Dem Reinen ist eben nicht alles rein – Hauptsache, es ist sauber.
Unvermummt
Heiner Geißler und die Junge Union und die Bundeswehr und die Rüstungsindustrie sind („leisten ihren Beitrag“) für den Frieden. Das ist heiter wie das Leben. Aber auch die Künstler sind für den Frieden. Das ist ernst wie die Kunst. PAND heißt eine in Amerika gegründete Vereinigung: performers and artists for nuclear disarmament. Ihr gehören Harry Belafonte und Paul Newman und Jane Fonda und viele andere an, und sie hat inzwischen Filialen in fast allen größeren Ländern. In Hamburg trifft sich PAND zum zweitenmal, im Anschluß an eine große Friedenskundgebung „Künstler für den Frieden“, die am 3. und 4. September im St. Pauli-Stadion stattfindet. Man rechnet mit mindestens 50 000 Teilnehmern. Ähnlich wie vor einem Jahr in Bochum werden die teilnehmenden Künstler nicht Stars einer Nummern-Revue sein, sondern gemeinsam auftreten: Mikis Theodorakis mit Liv Ullmann oder Angela Winkler mit André Heller oder Peter Rühmkorf mit Eva Mattes und Mitgliedern des Bolschoi-Balletts. Zum erstenmal sind Künstler aus dem Ostblock dabei. Eine Plakatserie, ausgewählt von Hans Platschek, mit Friedens-Bildern von Hundertwasser und Guttuso und Arroyo und Kitaj und Hrdlicka und anderen begleitet das Friedensfest. Veranstalter sind die deutsche PAND-Filiale sowie das „Hamburger Forum“ und der Landesjugendring. Es wird also viel Widerstand geben im Herbst, unvermummten Widerstand. Wird er die vermummten Raketen verhindern können?
Wiener Umriß
Es gibt Leute, die, obwohl sie immerzu etwas unternehmen, niemals richtig zu Unternehmern werden. Einer dieser anregenden Unternehmenden ist der Wiener Peter Noever, ein auf Architektur und verwandte Themen erpichter Mann, dessen neuester Einfall eine Zeitschrift über sein Lieblingsthema ist. Sie heißt Umriss, soll (zum Jahrespreis von 170 Schillingen, etwa 25 Mark) viermal jährlich erscheinen und will sich ihren Themen selbstverständlich anders als andere zuwenden. Das drückt sich erstens im Format aus – es ist sehr lang und ähnelt den neuen New Yorker Blättern dieser Art –, zweitens in den Themen, drittens in ihrer Darstellung. Im eben herausgekommenen zweiten Heft des Umrisses wird versucht, sich der Architektur mit dem Gefühl zu nähern. Die Devise steht schon auf dem Titelblatt: „Emotionalismus in der Architektur“. Aber das sagt nicht viel; genauer träfe das Stichwort „Dokumentierung“. Denn über die IBA in Berlin schreiben überwiegend Beteiligte (Architekten), und das erstaunlich facettenreich; es schreiben andere Architekten über ihre selbstverständlich eigenwilligen Werke, freilich oft so unvermittelt und so knapp, daß Nichtfachleute es schwer haben werden, daraus schlau zu werden. Und schließlich wendet sich Umriss 1/83 Wien zu: eine interessante, kritische, auch witzige Etüde. Im nächsten Heft sollen Architekturstudenten Stellung beziehen – man wird sehen, ob sie’s wirklich tun.
Fünf Mark pro Tag
Zahlen haben ihre Schicksale. Eine Leserin rief uns an und stellte richtig: nicht 150 Mark pro Tag, sondern 150 pro Monat bekamen ehemalige KZ-Häftlinge als „Wiedergutmachung“ (zu unserem Aufsatz über die „Bibliographia Judaica“, ZEIT Nr. 29). Eigentlich, sagt die Frau am Telephon, sei ihr das egal. Aber ihr Mann, dem KZ entkommen, habe sich nach dem Krieg eine neue Existenz aufgebaut, sei erfolgreich geworden, und immer wieder müsse er von Neidern hören: Er habe es ja leicht gehabt mit dem vielen Wiedergutmachungsgeld. Fünf Mark pro Tag für Tage des Terrors und der Todesgefahr. – Wir bitten für den Irrtum um Entschuldigung.





