Die Bräune bringt’s. Nicht jene, die sich die Arbeitslosen in städtischen Freibädern holen, nein, wie ordinär, diese nicht. Was zählt, ist die Bräune, die man aus der Karibik, aus Marbella oder aus Port Grimaud mitgebracht hat. So gebräunt, sieht man besser aus. Und mit dem Aussehen steigt das Ansehen. Von dieser Erkenntnis lebt eine ganze Industrie.

Die einsame Insel gibt es nicht mehr; entweder ist sie mit Touristen zugerammelt oder in Privatbesitz. Ein Club Méditerranée bietet so viel Exklusivität wie das Blaubad im schwäbischen Blaubeuren an einem schönen Samstagmittag im August. Da also die Menschen ihrer eigenen Menge nicht mehr entrinnen können, versuchen sie, sich voneinander abzuheben mit Hilfe des Zubehörs. In dieser existentiellen Unsicherheit gedeiht eine Sorte Mensch mehr und mehr: der Mehrscheiner, die Mehrscheinerin.

Der Mehrscheiner umgibt sich mit Dingen, die man vor Jahren Statussymbole nannte. Mit Symbolen, die einen Status (Knaurs Lexikon: Vermögenslage) deutlich machen. Heute ist der Begriff aus der Mode gekommen, dafür werden die Symbole mehr denn je eingesetzt. In den wenigsten Fällen ist der Status vorhanden. Er wird durch Symbole vorgetäuscht.

Ein dynamischer junger Mann in Düsseldorf mußte für einige Zeit verschwinden. Sagt sein Freund: „Der arme Kerl, jetzt bricht das ganze Imperium zusammen.“ „Welches Imperium?“ „Ja, der Porsche, die Rolex, der teure Teppich und die Video-Anlage.“

Die Symbole des vorgetäuschten Wohlstands müssen teuer sein, das Wichtigste an ihnen aber ist: Sie müssen sichtbar sein. Wie zum Beispiel die Bräune. Sie sagt dem Blassen: „Während du arme Sau in deinem Büro hockst, kann ich es mir leisten, mich in die Sonne zu hauen.“ In anderer Version: „Während du dich um deine Geschäfte kümmerst, war ich in Moritz.“ Das St. vor Moritz in der Aussprache fällt weg. Und Sylt heißt nicht Sylt, sondern „die Insel“. Und der Aufkleber in der Nachbildung der Insel am Heck Ihres Wagens ist peinlich. Den haben eigentlich nur noch die Camper von Wenningstedt dran.

Wenn einer sagt, wir fahren an die „Koth“, dann wissen wir, wo selbige liegt. Malibu ist nicht die Hauptstadt der Malediven. Und „drüben“ ist nicht die Ostzone. Es heißt auch nicht: „Wir fliegen nach Amerika“, sondern „Wir gehen für ein paar Wochen rüber“, oder: „Wir kommen gerade von drüben.“ Und: Ich habe mir im Flieger (nicht Flugzeug, merken!) eine furchtbare Erkältung geholt.

Zum Urlaub gehört das T-Shirt wie der Reifen auf die Felge. Aber nicht einfach kaufen und überziehen. Nein, auch da gibt es strenge Regeln, die Mehrscheinern längst geläufig sind. Sie packen sich vor dem Abflug eine Kollektion aus früheren Urlauben (verwaschen) in den Koffer. Das T-Shirt „Venice is beautiful“ kommt erst beim Sizilien-Trip dran. Las-Vegas-T-Shirts lassen Sie bitte gleich auf dem Bügel. Las Vegas ist nicht „in“. Und damit, Sie sich um Himmels willen auch nicht damit, Sie hätten in Cesars Palace Frank Sinatra, Dean Martin oder Sammy Davis gehört. Diese Brüder sind out.