War es ironisch, als Fritz J. Raddatz bei mir eine Besprechung gerade dieses Buches bestellte? Denn Proudhons Antwort ist: „La propriété c’est le vol“ – was mit „Eigentum ist Diebstahl“ nur schwach übersetzt ist; die französische Fassung legt nahe, Eigentum und Diebstahl seien Synonyme. Die Formel hatte Gewalt. Sie machte Proudhon zum Protagonisten des Sozialismus in Frankreich. Im Juni 1848 schickten ihn die Wähler des Departement Seine ins Parlament. Im März 1849 brachte ihn die Regierung des Präsidenten Louis Napoleon Bonaparte vor Gericht wegen „Erregung von Haß und Verachtung gegen die Regierung“: drei Jahre Haft; aber er wurde nach seinem literarischen Rang behandelt. Der Sohn eines Brauers und einer Dienstmagd kam zu politischen Ehren.

Karl Marx hatte zunächst Nachsicht, später – wegen Proudhons Ruhm in Frankreich? – nur Verachtung für Proudhon, den „Kleinbürger“. Marx 1865 in einer Artikelserie in der Berliner Zeitung „Sozialdemokrat“: „Proudhons erstes Wort ‚Qu’estce que la Propriété?‘ ist unbedingt sein bestes. Wenn auch nicht durch neuen Inhalt, so doch durch die kecke Art, alles zu sagen. In einer streng wissenschaftlichen Geschichte der politischen Ökonomie wäre die Schrift kaum erwähnenswert.“

Immerhin hatte Marx Proudhon um seine Mitarbeit an den deutsch-französischen Jahrbüchern beten. Proudhon sagte so zu: „Geben wir der Welt das Beispiel einer weisen Toleranz, aber hüten wir uns, an der Spitze der Bewegung zu stehen, uns zu Führern einer neuen Intelligenz aufzuwerfen ... Unter dieser Bedingung werde ich mit Vergnügen in ihre Gemeinschaft eintreten.“ Er kannte Marx.

„Was ist Eigentum?“ (1840) widmete Proudhon der Akademie von Besançon (dort war er 1809 geboren); ahnungslos hatte die ihm (1838) eine dreijährige Studienrente verliehen. Genießerisch schrieb er einem Freunde: „Der Effekt meines Buches auf die Akademie ist schrecklich: Man schreibt über Skandal und Undankbarkeit.“ Die Akademie beschloß: Sie „desavouiert in formellster Weise das Werk, das ohne ihren Wunsch veröffentlicht wurde. Dem Autor soll für den Fall einer zweiten Auflage des Buches die Verpflichtung auferlegt werden, die Widmung wegzulassen“. Seine vehemente Verteidigung machte dennoch Eindruck: „Eine Hälfte der Akademie lacht die andere aus“, schrieb er einem Freunde.

Proudhons Antwort auf den Titel seines Buches erklärt die Erregung. Seine Beweise und die Folgerungen aus seinen Thesen sind aber so maßvoll, daß man Marx’ Feindschaft versteht. Proudhon klagt die Eigentümer nicht an. Er will ihnen beweisen, daß sie einer falschen Theorie anhängen; daß das Eigentum und die daraus abgeleiteten Rechte – Grundrente, Gewinnanspruch im Tauschverkehr, Zins für Darlehen – den wirtschaftlichen Ablauf stören; Krisen seien daher unabwendbar, sie schaden gerade den Eigentümern. Hier merkten die Zeitgenossen auf. Nach längerem Wohlstand erlebten Bürgertum und Arbeiterschaft 1840 eine lang anhaltende Wirtschaftskrise, die im Februar 1848 schließlich Louis-Philippe und seine großbürgerliche Regierung stürzte. Proudhon war dabei, als die Barrikaden gebaut und die Tuilerien gestürmt wurden – aber er beklagte die „sinnlose Zerstörung“. „Sie haben eine Revolution ohne eine Idee gemacht.“

Seine Idee: Wie alle Sozialisten jener Zeit stützte er sich auf Ricardos Lehre vom „Wert“. „Der Wert jeder Ware wird bestimmt einzig und allein durch die zu ihrer Produktion erforderliche Arbeitsmenge.“ Als die Linke diesen – von Marx für falsch erklärten, aber bald allgemein geglaubten – Satz entdeckt hatte, schloß sie kühn: Also gehört das Produkt dem Produzenten. Da ist dann kein Platz mehr für Profit, Bodenrente oder Miete. Werden solche erhoben, vermindert sich das Einkommen des Arbeiters; er kann nicht mehr kaufen, was er und andere Arbeiter produziert haben. „Der Eigentümer, der eine Abgabe oder einen Preis für den Dienst seiner Instrumente verlangt, setzt demnach eine grundfalsche Tatsache voraus, nämlich daß die Kapitalisten etwas durch sich selbst produzieren, und empfängt so in der Bezahlung für diese eingebildeten Produkte Etwas für Nichts.“

Wir könnten das als moralisches Urteil gerade noch verstehen. Der Schluß aber, der wirtschaftliche Kreislauf werde gestört, ist falsch. Was der Arbeiter (der Produzent) weniger bekommt, hat der Eigentümer mehr. Zusammen haben alle so viel, wie produziert wird, alles kann also verkauft (getauscht) werden. Noch einmal Proudhon: „Die Produkte, sagen die Nationalökonomen, lassen sich nur durch Produkte kaufen. Dieser Aphorismus ist die Verurteilung des Eigentums. Der Eigentümer, der weder selbst noch durch sein Instrument etwas produziert und Produkte im Tausch für nichts erhält, ist entweder ein Schmarotzer oder ein Räuber.“ So weit, so gut – aber dann Proudhons falscher Schluß: „Kann demnach Eigentum als Recht bestehen, so ist es unmöglich

Daß der Wirtschaftsablauf durch Einkommen der Kapitalisten gestört werden kann, wissen wir, aber auch erst seit Keynes: wenn dieses Einkommen nicht ausgegeben wird. Indes führt Eigentum (Grundrente, Zins und so weiter) nur zu einer anderen (vielleicht ungerechten) Verteilung der produzierten Güter. Uns zu enteignen, lehnt Proudhon aber ab: Da würden Unrecht und Unsinn des Eigentums nur vom einzelnen auf die gefährlichere Allgemeinheit übertragen – wie recht er da hatte.

Proudhon will uns also überzeugen, wir täten etwas Falsches, Unmögliches, erzeugten unseren eigenen Bankrott. Ja, er höhnt: Seht ihr denn nicht, wie heute schon das Eigentum ausgehöhlt ist? Wieso zahlt der reiche Eigentümer mehr Steuern als der arme? Das ist doch ein Eingriff in das Eigentum! Um die Staatsausgaben zu mindern, wollte der Staat Louis Philipps eine Staatsschuld („Rente“) von fünf auf drei Prozent „convertieren“. Wo bleibt da das Eigentum? Und gar: „In einem Lande, wo es Eigentum gibt, ist die Gleichheit der Wahlrechte eine Verletzung des Eigentums.“

Proudhon weiß auch den Ausweg. Man solle das Eigentum einfach vergessen. Dann errichte man „Volks-Banken“, die alle Produkte aufkaufen, nicht gegen Geld, sondern gegen eine Bescheinigung, die den Arbeitsaufwand bestätigt. Gegen diese Bescheinigung kann man bei der Bank die Produkte von anderen erwerben, im

Wert der von diesen aufgewendeten Arbeitszeit. Da kommt jeder zu seinem Recht (der geleisteten Zeit); und für jede Bescheinigung ist ja der Gegenwert in der Bank; die Rechnung geht also auf. „Produktion ohne Kapital, Tausch ohne Gewinn, das sind die beiden Ziele, zwischen denen sich die soziale Ökonomie bewegt und deren Resultat der Reichtum ist.“ Da spotteten Marx und Engels: Was, wenn ich für meine Bescheinigung einen Hut und Schuhe haben will, die Bank mir aber nur Weizen und Zucker anbieten kann? Und ist Arbeitsstunde gleich Arbeitsstunde?

Die Zeitgenossen, sie glaubten daran, als Proudhon sie aufrief. 27 000 Gruppen und Einzelpersonen zeichneten nach der Februar-Revolution für eine Volksbank Anteile zu fünf Franken, zahlbar in zehn Monatsraten zu fünfzig Centimes. Da müßte man um das Schicksal der Bank und Proudhons guten Namen zittern: Der Bankrott war unvermeidlich. Aber: nach der Juli-Revolution kam (mit Stimmzettel) Louis Napoleon an die Macht und warf Proudhon ins Gefängnis. Proudhon liquidierte die Bank; niemand verlor Geld. In England, wo „Volksbanken“ aus dem Boden schossen, gingen alle bankrott.

Marx’ Zorn: Proudhon will die Gesellschaft reformieren. Seine „Volksbank“ dient dem kleinen Produzenten. Dem aber hatte Marx längst den kommenden Untergang wissenschaftlich bewiesen. Proudhon wollte das Elend der Proletarier mildern. Marx warf ihm vor, er verkenne das revolutionäre Potential des Elends, das die neue, endgültige Ordnung produzieren werde. Marx wollte den Umsturz. Proudhon wollte ihn abwenden.

Nein, Proudhon war kein Revolutionär. Für ihn war der Mann der Herr im Hause. Ehescheidung und sexuelle Freiheit für Frauen war ausgeschlossen – die Pariser Gesellschaft war für Proudhon „Pornocracie“. Deren Philosophie: „Eifersucht, Haß auf den Mann, Verurteilung des Wesens der Frau, Wollust.“ Die Briefe an seine Frau Euphrasie jedoch gehören zu den würdigsten und innigsten. Auf dem Totenbett (1865) fragte ihn seine Frau, ob er einen Priester und beichten wolle? Proudhon: „Ich will Dir beichten.“

Gerd Bucerius

Gerd Bucerius ist Miteigentümer der Bertelsmann AG und

Alleineigentümer (und Verleger) der ZEIT.