Er heißt wie ein berühmter Kollege: Brodsky. Aber Joseph Brodsky, den Lyriker, haßt er so abgrundtief, daß er seinen Sohn (vielleicht im Glauben an den Doppelgänger-Zauber von Woodoo bis zur deutschen Romantik) Joseph dannte. Er selber, erst 32 Jahre alt, heißt mit Vornamen Michael und lebt in New York City. Ein trostloser Brotberuf (als Lektor einer Medizinzeitschrift) zerstört ihm täglich acht. Stunden. Trotzdem hat er in seiner Freizeit ein schon viele tausend Seiten langes Prosawerk geschrieben.

Aus seinem Roman „Detour“ („Umweg“) erschien vor einem Jahr in der Literaturzeitschrift manuskripte (77/’82) zum erstenmal ein kurzer Auszug auf Deutsch. Auch von den anderen fünf Romanen („Bulletins“, „Haven“, „Circiuts“, „Flesh is Flesh“ und „Theme and Variations“) war bis dahin kein Wort ins Deutsche übersetzt (genauso wenig wie von den Theaterstücken). Selbst in Amerika wird Brodsky, vor allem wegen einer „zu komplexen Syntax“, weitgehend abgelehnt. Trotzdem arbeitet er berserkerhaft weiter. Von den wenigen, die ihn kennen und schätzen, ist einer Peter Handke. Auf dem Einband der amerikanischen „Detour“-Ausgabe (erschienen 1977 bei Urizen Books, New York) wird Handke zitiert, weil er Brodsky als „brilliant writer“ rühmt: Mit keinem jüngeren amerikanischen Erzähler fühle er sich mehr verwandt. Vor allem aber schätzt den neuen Amerikaner der Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach, der nicht nur die „Detour“-Passage, sondern. (für Suhrkamps Neue Reihe) eine ganze Brodsky-Novelle aus dem 1982 erschienenen Band „Project“ übersetzt hat. Titel: „Der Tatbestand und seine Hülle“ („The Envelope of the Given“).

Auch Jürg Laederachs eigenes Werk ist mehr als tausend Seiten lang und wird (unter dem Vorbehalt der Kompliziertheit) noch immer zu wenig beachtet. Überhaupt haben Laederach und Brodsky vieles gemeinsam – auch mit der Hauptfigur in Brodskys Erzählung. Sie ist Schriftstellerin, manisch literaturfixiert und eilt von Agent zu Agentin: erfolglos.

Sonst ereignet sich wenig, ausgenommen ein paar Umzüge der Schriftstellerin und ihre Ankunft in New York, wohin sie aus einem fremden, unbekannten Land emigrierte: „Sie kam an den Punkt, an dem ein neues Leben seinen Anfang nehmen sollte.“ Ansonsten ist sie ins Schreiben vertieft, in ihre Probleme damit und in Gespräche darüber (mit einem Maler, ihren Agenten, ihren Verwandten). Sie sagt sich: Alles, nur jetzt keine neue Geschichte schreiben.“ Ein paar Zeilen später widerspricht ihr Brodsky, resigniert: „Rundherum hielt sie Ausschau nach den Anfängen einer Geschichte.“

Schreiben kann Sucht, kann auch ein Risiko sein. Denn in der Sprache herrscht seit Jahren Krieg zwischen den Vokabeln der Wissenschaft und der Poesie. Immer wieder also detonieren Sätze, besonders wenn Brodsky erzählt. Im großen Sprachkrieg ist er ein Freiwilliger an der Front (wie Laederach). In der deutschen Fassung heißt es von der Schriftstellerin: „Nachdem sie sich am Erwartungshorizont ein Treffen mit ihrer Tante eingerichtet hatte, fühlte sie sich nicht mehr in der Mitte ihrer Qual.“ („With a meating with her aunt on the horizon she no longer fett herseif in the heart of her predicament.“) Die Front zwischen; – psychologischer Terminologie und Poesie verläuft mitten durch diesen Satz. Aber auch das angeblich Poetische („die Mitte ihwar Qual“), ist nur noch totes Material, von den feindlichen Vokabeln längst zerstört: Politisches Klischee.

Texte aus, einer großen Stadt (N. Y. C.), ihrer atomisierten Gesellschaft, der Zone der Einzelnen: auf der Flucht vor Einzelheiten, auf der Suche nach einer Erzählung. Brodsky/Laederach: „Sie beschloß mit ihrer Geschichte anzufangen, sich dem Erzählfluß zu überlassen und sich so fürs unwillkommene Eingreifen der Einzelheiten gefühllos zu machen.“ Aber es bleibt bei der unvollendeten Geschichte.

Wie kaum einer sonst schreibt Michael Brodsky an einer Prosa des technischen Zeitalters. Ihr mechanisches Getriebe erschreckt selbst die Übersetzer. Bisher hat einzig Jürg Laederach Mut (und Zeit) gefunden. Jetzt wollen wir „Detour“ lesen. Übersetzer gesucht.