Daß Max Weber in die Liste der Autoren großer Sachbücher gehört, läßt sich schwerlich bestreiten. Nur: mit welchem seiner Werke verdient er dieses Lob? Das meistzitierte Opus ist wohl „Wirtschaft und Gesellschaft“. Aber trotz aller Kunst und Kompetenz der Herausgeber bleibt dies doch ein Steinbruch von Gedanken. Nicht zufällig beziehen sich Autoren der unterschiedlichsten Couleur auf das Buch: nicht zufällig gibt es endlos scheinende Auseinandersetzungen darüber, was Weber wohl hier und da gemeint haben könnte. Dann sind da die politischen Schriften, die zur Verfassungsreform, die Münchener Reden; aber sie sind Dokumente einer großen Persönlichkeit, Material für Biographien, für das Gesamtkunstwerk des Mannes. Von Karl Jaspers bis zu Wolfgang Mommsen haben viele sich schon jetzt daran versucht, die explosive, temperamentvolle Persönlichkeit Max Webers in den Zusammenhang der politischen und der Geistesgeschichte Deutschlands einzuordnen. Andere werden ihnen folgen.

Es hat daher etwas Unzulängliches, den aus den Fugen geratenen Aufsatz über „Die Protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus“ als Teil für das ganze Werk zu nehmen. Immerhin, die 236 Seiten dieser Arbeit sind ein Juwel der Sozialanalyse. Woher kommt der „Geist des Kapitalismus“, der moderne Ökonomische Rationalismus, die Suche nach Wachstum, nach höherer Produktivität, die bewegte Ungeduld dessen, was wir modern nennen? „Der Mensch will ‚von Natur‘ nicht Geld und mehr Geld verdienen, sondern einfach leben, so leben, wie er zu leben gewohnt ist und so viel erwerben, wie dazu erforderlich ist.“ Dieser Traditionalismus ist indes irgendwann in Europa aufgebrochen. Wann? Wie? Warum?

Weber beginnt sogleich mit dem Hinweis auf den großen Bruch der christlichen Tradition, die Reformation. Allerdings ist es nicht die Reformation als solche, die für den modernen Kapitalismus verantwortlich ist. Luthers Berufsbegriff zum Beispiel ist durchaus traditionalistisch, „das, was der Mensch als göttliche Fügung hinzunehmen, worein er sich ‚zu schicken‘ hat“. Anders ist indes der Zusammenhang zwischen dem Calvinismus und auch den puritanischen Sekten mit der modernen Wirtschaftsentwicklung. „Wir müssen alle Christen ermahnen, zu gewinnen was sie können und zu sparen was sie können, das heißt im Ergebnis: reich zu werden.“ Dieser Satz von John Wesley, dem Begründer der Methodisten, enthält die beiden Elemente der Weberschen Analyse von Theologie und Ökonomie.

Calvinismus und Puritanismus sind, in die Sprache der neueren Sozialwissenschaft übersetzt, aus zwei Gründen ein fruchtbarer Boden für Wirtschaftswachstum. Einmal geben sie dem Leistungsprinzip dadurch religiöse Überhöhung, daß sie weltlichen Erfolg zum Maßstab göttlicher Erwähltheit machen. Wer reich wird, genießt auch göttliches Wohlgefallen. Zum anderen aber verhilft das asketische Element („zu sparen was sie können“) den wichtigen Grundsatz der „aufgeschobenen Befriedigung“ Grundsatz gratification). Reichtum bedeutet also nicht Konsum, sondern Reinvestition. Die Akkumulation des Kapitals ist ja gerade das Gegenteil von der primitiven Vorstellung der „Reichen, die immer reicher werden“, sie ist vielmehr die Grundlage des ständigen Wirtschaftswachstums.

Weber beginnt seine Schrift mit einem Abschnitt über „Konfession und soziale Schichtung“. Dort liefert er empirische Belege für den Zusammenhang von Calvinismus und wirtschaftlichem Erfolg. Doch bleibt er durchweg ein ebenso klarer wie vorsichtiger Analytiker. Kaum ein kritischer Einwand, der gegen Webers Schrift erhoben worden ist, findet in der Schrift selbst seine Antwort. Natürlich ist der Zusammenhang nicht einfach. Ohnehin muß die Frage gestellt werden, warum denn der Calvinismus selbst erfolgreich war. In gewisser Weise liefern die asketischen Sekten nur Verklärung und Legitimation des Geschehens.

Eine wichtigere Einschränkung der Weberschen Thesen liegt in ihrem spezifischen historischen Zusammenhang. „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ kann schwerlich erklären, warum Japan oder Hongkong den Kapitalismus aufgenommen und vorangetrieben haben. Es muß auch andere Gründe als die von Weber entwickelten geben, die Menschen zur Suche nach neuen Ufern und zur Bereitschaft, auf unmittelbare Befriedigung zu verachten, führen. Minderheiten, die sich in ihrer Umwelt durch besondere Anstrengung bewähren müssen – Juden, Chinesen – spielen da eine Rolle. Die Wertvorstellungen bestimmten sozialer Gruppen, die durch Verzicht und Askese gekennzeichnet sind, müssen nicht protestantisch sein.

Aber derlei Einwände ändern nichts an der Meisterschaft von Max Weber. Die bloße Tatsache, daß der Kapitalismus an einer Stelle, zumindest in einem Kontinent Begonnen hat, beläßt der Schrift ihre Autorität. Als Stück Sozialanalyse hat das Opus kaum seinesgleichen. Es gehört in eine Reihe mit Marx’ „18. Brumaire“, mit Tocquevilles „Demokratie in Amerika“. Es zeigt einen Geist, der Entschiedenheit und Subtilität auf seltene Weise verbindet. Für Max Weber ist „Die protestantische Ethik“ übrigens zum Ausgangspunkt zahlreicher Studien über die Weltreligionen und ihre Wirtschaftsethik geworden. Und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, findet in der „Protestantischen Ethik“ auch alle Elemente der Weberschen Methodologie: das „Verstehen“, die eigentümliche Mischung von Empirie und Textanalyse, das Zögern angesichts von Werturteilen, die Sache nach Erklärung. Ralf Dahrendorf