Natürlich ist die Frage entschieden, ob Photographie auch Kunst sein kann. Sie ist. Sind die bräunlichen Plattenabzüge der Veteranen des vorigen Jahrhunderts schon durch ihr Alter entrückt, so entsprechen die Experimente der zwanziger Jahre – Montagen, Collagen, Photogramme – ohnehin dem neuartigen Kunstbegriff ihrer Zeit; und die Steinert-Schule nach dem Krieg hat die „subjektive Photographie“ mit einem so hohen ästhetischen Qualitätsanspruch versehen, daß die Zugehörigkeit zur Kunst außer Zweifel stand.

Doch zwischen diesen Fixpunkten gibt es Photographen, deren Arbeit die Frage, ob Photographie auch Kunst sei oder nicht, beiseite läßt, dafür eine andere um so dringlicher stellt: was Photographie will (und was man mit ihr machen kann). Denn Kunst zu produzieren, war nicht das Ziel jener Abenteurer der Kamera, die 1928, 1929 den Beruf des Photojournalisten erfanden, und sogleich zur Meisterschaft führten. Sie sollten Information für ein breites Publikum liefern, dem die visuelle Erscheinung zahlreicher Wirklichkeitsaspekte bis dahin unbekannt geblieben war, ob nun die der hohen Politik oder der Arbeitslosen oder des Nachtlebens am Kurfürstendamm.

In Berlin hat der Photojournalismus begonnen, und hier ist derzeit – in ungeplanter, doch glücklicher Koinzidenz – das Werk zweier seiner Pioniere in Retrospektiven zu sehen. Die Berlinische Galerie zeigt in einer vom Amsterdamer Stedelijk Museum eingerichteten Wanderausstellung die Aufnahmen von Erich Salomon Das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz hat, etwas spontaner und im Hinblick auf dessen bevorstehenden 90. Geburtstag geplant, in der Staatsbibliothek eine thematisch geordnete Übersicht über die zahllosen Reportagen Felix H. Mans eingerichtet.

Nun war die Geburt der Reporterphotographie keine Sache der golden twenties. Roger Fenton hatte schon 1835 den Krimkrieg mit einem Monstrum von Plattenkamera dokumentiert, Mathew Brady den amerikanischen Sezessionskrieg ein Jahrzehnt später. Doch erst die Erfindung des Halbtonverfahrens 1880 erlaubte es, Photographien im Druck zu reproduzieren. Erstaunlicherweise blieb die Verwendung dieses der Objektivitätssucht des 19. Jahrhunderts so gemäßen Mediums begrenzt; auch in den Illustrierten dominierte der Pressezeichner. Zu groß und zu langsam: von diesen beiden Handikaps befreite die Erfindung der Leica, deren Erstling schon 1913 als Nebenprodukt der Filmindustrie konstruiert, doch bis 1932 wegen des unempfindlichen und grobkörnigen Films übergangen wurde. So war es das Spitzenprodukt der technisch durch den Rollfilm schon überholten Plattenkameras, das die ungestellte Reportage hervorbrachte: die „Ermanox“ (oder besser: ihr sensationell lichtstarkes 1:2-, später sogar l:l,8-Objektiv).

Mit dieser Kamera ist Erich Salomon zum „Roi des indiscrets“ geworden. Formvollendet, charmant und mit dem magischen Doktortitel (der Jurisprudenz) versehen, wirkte er nie als Eindringling, immer als Beteiligter. Aus vermögender, jüdischer Familie stammend, durch die Inflation von 1923 verarmt, schlug sich Salomon mit Gelegenheitsarbeiten durch. So bot er seine Dienste als Motorradchauffeur mit dem Clou an, seine Fahrgäste unterwegs über die Umstellung auf die Rentenmark zu beraten. Ullsteins Werbeabteilung war die logische Folge, die Mitarbeit an der „Berliner Illustrirten Zeitung“ hingegen Zufall, der wiederum auf den Chefredakteur Kurt Korff und den Verlagsdirektor Kurt Szafranski verweist. Sie ließen den Enthusiasten Salomon probieren und erhielten die Sensationsphotos vom „Mordprozeß Hein“, mit dem die Tauglichkeit der Ermanox für unbemerkte Innenaufnahmen bewiesen war – einer Kamera wohlgemerkt, die mit einzeln zu wechselnden Glasplatten arbeitete. Von da an photographierte Salomon, was immer sein Handköfferchen mit 30 Platten erlaubte. Der Durchbruch zur Welt der Prominenz war 1929 die Nachtaufnahme eines Empfangs des Reichspräsidenten aus dem Badezimmerfenster des Nachbarhauses. Ob’s Salomon schafft – das wurde schnell zum Gesellschaftsspiel der hochpolitischen Konferenzen von Lausanne bis Den Haag.

Salomons Schnappschüsse sind überlegt, aber nie gestellt. Sie sind auch, so sehr sie das Unerwartete und allgemein Menschliche betonen, nie verletzend. Sehr schnell scheint sich unter seinen bevorzugten „Opfern“ herumgesprochen zu haben, daß Salomon genau jenen human touch lieferte, den die Mächtigen in der beginnenden Mediengesellschaft brauchten. „Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken“ lautet der Titel des Buches, in dem Salomon 1931 die Ereignisse seiner zahllosen Konferenzbesuche vorstellte. Er war der „Hofphotograph der Weimarer Republik“, mit deren Untergang es keinen Bedarf mehr gab, die Großen mit kleinen Schwächen zu zeigen. Als Jude mußte Salomon emigrieren, doch nach England oder Amerika zu gehen, wie die Mehrzahl seiner Kollegen, fühlte er sich, 1886 geboren, zu alt. In Holland, der Heimat seiner Frau, haben ihn die Nazis aufgespürt und 1944 in Auschwitz ermordet.

Sehr viel stärker als Salomon, der in allen Aufnahmen die Handschrift erkennen läßt, repräsentiert Felix H. Man den neuen Typ des Photoreporters. Als Gefreiter unter seinem Geburtsnamen Hans Baumann hatte er 1915 an der Westfront zu photographieren begonnen, was damals für Berufsphotographen strikt verboten war. Erst 1929, nach einigen Monaten als Zeichner im Sportressort, nahm er die Kamera wieder zur Hand: als Reporter für die neugegründete Agentur Dephot und zugleich versehen mit einem Garantievertrag der „Münchner Illustrierten Presse“. Auch wenn Mans bekannteste und seinerzeit in vielen Ländern nachgedruckte Photoserie „Ein Tag mit Mussolini“ eher dem Muster Salomons folgt, zeigt doch die Liste seiner 107 Reportagen den Profi, der sich auf alles einstellen kann: vom Stahlwerk bis zur Wüstenexotik, von der Berühmtheit bis zur Sozialreportage. Dominierend blieb die Suche nach dem Neuen, Ungesehenen und die Überwindung technischer Schwierigkeiten.