Von Gunter Hofmann und Carl-Christian Kaiser

Bonn, im September

Als einzige Konstante bei den Wahlen in letzter Zeit erweisen sich die Überraschungen. Auch diesmal sind die Parteien wieder aus allen Wolken gefallen. Die Propheten haben sich verspekuliert. Mit den Erklärungen hapert es.

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Die Wähler in Hessen und Bremen haben – aus der Perspektive der Bonner Parteien – ein schillerndes Votum geliefert. Für die Zukunft der Regierung, der Parteien und der Politik verheißt es nichts Genaues. Einerseits ändert sich nichts an der stabilen Mehrheit für die Bonner CDU/FDP-Koalition Helmut Kohls. Andererseits hat das Wahlergebnis doch auch an den Fundamenten gerüttelt. Der Unmut in der Union speist sich aus verschiedenen Quellen. Die einen lamentieren über die Unverbindlichkeit der Regierungspolitik, die anderen über ihre Verzagtheit beim „Verkaufen“, die dritten halten es für falsch, sich zu sehr auf die FDP zu verlassen.

Zum ersten Mal seit langem präsentierte sich in Bonn ein Kanzler Kohl ohne jenes Übermaß an Selbstvertrauen, dessen Ursachen nicht immer leicht zu erkennen sind. Ein Jahr lang blieb der Kanzler von Kritik weithin verschont, ja, der leise Unmut über das Unzureichende der Politik und die Querelen in der Regierung hat Kohl geradezu als Kanzler über den Niederungen illuminiert.

Jetzt holt ihn die Politik auf konkrete Weise ein: Gestern waren es die Wahlen, heute ist es eine riesige Protestkundgebung von 100 000 Stahlarbeitern in Bonn, morgen werden es die Demonstrationen der Friedensbewegung sein. Unter solchen Bedingungen ist es für den großen Anlauf trotz des Denkzettels dieser Wahlen wohl wirklich zu spät.