Michael Krüger

Name des Vaters, Name der Mutter, und vierzig weitere Fragen über den äußersten Rand der Welt verteilt. Alles vergessen, nicht schuldig. Keine Geschichte, keine Lebensgeschichte, nichts, was den Magen umdreht. Mücken über dem Wasser, dann ein Gewitter, dann Engel, bläulich unter den Blitzen. Zu viel Leben wird erzählt, deshalb hob ich die Hand nach der alten Art der Inquisitoren: augenblicklich war Ruhe.

Ruhe-Verlangen

Dieses Gedicht ist das dritte in einem Zyklus, an dem Michael Krüger gegenwärtig arbeitet. Damit er zustandekommt, hat sich der Dichter ein Arbeitszimmer gemietet, in Ambach am Starnberger See. Das Beziehen dieses Zimmers, das mit dem zeitweiligen Verlassen der Münchener Arbeitswelt einhergeht, ist bereits ein poetischer Akt. Die Ambacher Gedichte sind in Ambach zu schreiben, und die Reise dorthin beginnt mit der Anstrengung, all das abzuwerfen und zurückzulassen, was täglich an einem so hängt. Der See ist Thema des Schreibens.

Da liegt der See, eine riesige, leere Fläche, und ich stelle mir vor, daß ein gefährlicher Sog von ihm ausgeht. Der Wunsch zu verschwinden. Aber der Blick verliert sich nicht in der horizontalen Weite des Meers; diese See-Fläche ist begrenzt, hat Ufer; der Starnberger See ist gesellschaftlich und ökonomisch definiert. Und schon bevölkert sich die Leere, die eine Fläche sein könnte für die freien Spiele der Phantasie, wieder mit allem biographischem Getümmel. Alles fängt wieder an, bei Vater und Mutter; das ganze Gefrage nach Herkunft und Zukunft, nach eurer Schuld und unserem Vergessen, geht wieder los und geht weiter über diesen Ort hinaus: das Netzwerk unserer Beteiligungen an jeglichem Geschehen in der Welt, an ihrer Geschichte. Eine fortwährende Belastung; unsere Generationen. Auch ein einzelnes Gedicht ist nicht so stark, daß es diese Bewußtseins-Last aushielte. Ein ganzer Zyklus soll schließlich entstehen, und der See hat Geschichten zu erzählen, die vielleicht neu und überraschend, die vor allem erst zu entdecken sind. Und dazu kann man seine Mücken nicht übersehen und das Gewitter nicht überhören; schon hat auch die Phantasie ihre erste Erscheinung, den Engel, gestiftet. Also einmal Ruhe bitte. Hört auf zu reden, immer eure Krisen. Ernsthaft, ich verlange jetzt Ruhe; Vergessen und Unschuld gibt’s nur in diesem Gedicht.