Von Rudolf Herlt

Konstruktiv wurde in Washington nicht geredet. Wer von der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, erwartet hatte, daß sie zur Entschärfung der internationalen Schuldenkrise beitragen würde, mußte enttäuscht von dannen ziehen. Das Signal, dem die Welt voller Hoffnung entgegenfieberte, ist ausgeblieben.

Wie ein Schatten hingen jene sechshundert Milliarden Dollar über der Konferenz, mit denen die Dritte Welt bei privaten Banken und öffentlichen Einrichtungen der Industrieländer in der Kreide steht. Die Überwindung der gefährlichen Verschuldungskrise wäre die wichtigste vertrauensbildende Maßnahme, die sich gegenwärtig auf dem Felde der Wirtschaftspolitik denken läßt. Sie würde den Weg für einen neuen Aufschwung der Weltwirtschaft freimachen. Gläubiger- und Schuldnerländer gingen in dem Bewußtsein nach Washington, daß die Art und Weise der Krisenbewältigung über den Fortbestand des Weltfinanzsystems entscheiden würde.

Die Erwartungen waren denn auch hoch gespannt. Konferenzen im Vorfeld des Washingtoner Treffens hatten den Eindruck vemittelt, als hätten die Industrieländer die richtigen Lehren aus der Schuldenmisere der Entwicklungsländer gezogen, als hätten sie begriffen, daß Solidarität und rasche Handlungsfähigkeit Voraussetzungen für den Erfolg sind. Im Klub der zehn wichtigsten Industrieländer und der Schweiz hatten sich die Finanzminister schon vor Monaten darauf geeinigt, daß Währungsfonds und Weltbank eine größere Rolle bei der Verhinderung und Überwindung von Zahlungsbilanzkrisen spielen müssen und daß sie diesen Aufgaben nur gerecht werden können, wenn sie über die notwendigen Mittel verfügen.

In der ersten Runde des unmittelbaren Krisenmanagements im Anschluß an die Zahlungsunfähigkeit Mexikos, Brasiliens und Argentiniens lief alles so schön. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit war damals bei Regierungen und Notenbanken mustergültig. Statt diesen kooperativen Schwung für die zweite Runde auszunutzen, in der die Weichen für eine dauerhafte Überwindung der Krise gestellt werden sollten, zerstritten sich die Akteure in Washington aber wieder,

Die Finanzminister redeten dort nicht über Konkretes, etwa wann dem Währungsfonds mehr Mittel zur Erfüllung seiner neuen Aufgaben zur Verfügung stehen würden. Das Wichtigste klammerten sie aus und bissen sich an technischen Details fest. Stunden um Stunden brauchten sie, um einen Kompromiß über den „erweiterten Zugang“ zu einem besonderen Kreditschalter des Währungsfonds auszuhandeln. Sie erinnerten dabei an das Konstruktionsteam einer Automobilfabrik, das bei der Weiterentwicklung eines Modells das Augenmerk ausschließlich auf den cw-Wert legt: Der Wert für die Windschlüpfigkeit ist nicht unwichtig, aber für die Funktionstüchtigkeit des Wagens nur ein technisches Detail.

Daß sich die Minister in Washington nicht auf die künftige Funktionstüchtigkeit des Währungsfonds konzentrieren konnten, lag an den Amerikanern. Sie sind zwar „Großaktionär“ im Währungsfonds, verhalten sich aber wie der kleinste Kleinaktionär, der nicht weiß, woher er das Geld für eine Kapitalerhöhung nehmen soll.