ZEIT: Sie sind mit der Wirtschaftspolitik der neuen Bundesregierung unzufrieden. Was vermissen Sie?

Platte: Bevor Bundeskanzler Helmut Kohl sein Amt übernahm, sagte er, daß die Wirtschaft entlastet werden muß, wenn es gelingen soll, den Aufschwung zu erzielen, entlastet von Abgaben, bürokratischen Hemmnissen, Steuern und so weiter. Vor anderthalb Jahren hat Kohl mir, als er noch Oppositionsführer war, einmal gesagt, die blutigen Einschnitte mit dem scharfen Messer müssen in den ersten Monaten gemacht werden, und wenn das nicht klappt, klappt es nie.

Nun sind bei der Vermögen- und Gewerbesteuer kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht worden, nicht jedoch in dem Maß, wie sie zur Gesundung der Wirtschaft nötig wären. Das Steueränderungsgesetz 1984 bringt eine Entlastung bei der Vermögensteuer. Aber auf der anderen Seite wird die Wirtschaft durch eine Erhöhung des Beitrags zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung stärker belastet, als sie entlastet worden ist. Das genaue Gegenteil dessen, was die Regierung verkündet hat, wird tatsächlich getan.

ZEIT: Andererseits hat es erhebliche Einschnitte im Sozialbereich gegeben. Wollen Sie noch mehr?

Plutte: Es sind sicher Einschnitte erfolgt, aber die entscheidenden Schritte zur Entlastung der Rentenversicherung sind zum Beispiel nicht geschehen. Die Rentenversicherung wird schon im nächsten Jahr wieder in finanzielle Schwierigkeiten geraten. In der Frage der Einführung von Karenztagen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall scheint sich die Regierung aus politischen Gründen schwer zu tun.

Die Lohnfortzahlung kostet die Wirtschaft 35 Milliarden Mark im Jahr. Da muß einiges zur Entlastung geschehen. Auch bei den ertragsunabhängigen Steuern sind weitere Entlastungen dringend erforderlich.

ZEIT: Andererseits beneiden uns viele Länder um den bisherigen sozialen Konsens in der Bundesrepublik. Ist der nicht in Gefahr, wenn die Einschnitte noch deutlicher ausfallen?