Suchte Stalin 1943 einen Sonderfrieden mit Hitler? Fragen zu den Stockholmer Gesprächen

Von Heinrich Graf von Einsiedel

Schon auf der Gipfelkonferenz in Teheran im Dezember 1943 zwischen Stalin, Roosevelt und Churchill sei das Nachkriegsschicksal Deutschlands besiegelt gewesen, meinen einige Historiker. Sie haben sich sogar eine kunstvolle Theorie aufgebaut, wonach diese Pläne bereits vorher durch ein diabolisches Erpressungsmanöver des Kreml festgeschrieben worden seien: Stalin habe im Winter 1942/1943 erste Friedensfühler zu Hitler ausgestreckt, sei es, um tatsächlich mit ihm zu einem Sonderfrieden zu gelangen, sei es, um die Westmächte mit der bloßen Drohung unter Druck zu setzen. In Teheran habe er dann nur noch die Ernte dieses Erpressungsmanövers in seine Scheuer gefahren.

Grundlage dieser Theorie sind die Memoiren des NS-Diplomaten Peter Kleist aus den Jahren 1949/1950, in denen der Konfident Himmlers im Hause Ribbentrop erzählte, er sei Ende 1942 auf eigene Initiative und ohne jeden Auftrag nach Stockholm gereist, um „in Kenntnis von Versuchen der deutschen Opposition gegen Hitler Kontakte mit dem Westen zu knüpfen . Er wollte die Frage klären, ob „mit politischen Mitteln das Kriegsglück noch zu wenden sei“, worunter er verstanden hat, der Westen könnte „angesichts der veränderten Lage“ eventuell bereit sein, seine Deutschlandpolitik umzustellen.

Nach Westen hin blieben jedoch dem braunen Politpfadfinder die Türen verschlossen. Da tat sich plötzlich wie von Geisterhand „in der östlichen Mauer ein kleines Pförtchen zu einem schmalen Spalt auf“, durch den sich eben jener ominöse Friedensfühler Stalins vortastete, der seither die Historiker so intensiv beschäftigt hat. Kleist traf am 14. Dezember 1942 im Hause des „Filmbeauftragten“ der deutschen Botschaft in Stockholm, Werner G. Boening, mit einem gewissen Edgar Clauß zusammen, der ihm angeblich als Geschäftsmann ohne jedes politische Interesse vorgestellt worden ist, jedoch nichts weniger als Frieden mit der Sowjetunion in acht Tagen „garantierte“, falls Hitler nur so liebenswürdig sei, sich mit den Grenzen von 1939 zufriedenzugeben; die Sowjetunion sei nicht gewillt, auch nur länger als notwendig für die Interessen Englands und Frankreichs zu kämpfen.

Kleist hat selber diesen Vorgang als „erstaunlich“ bezeichnet, und da kann man ihm nur beipflichten. Erinnern wir uns kurz: Seit achtzehn Monaten kämpfte die Sowjetunion buchstäblich ums Überleben. Bei Stalingrad hatte sie gerade eine entscheidende Wende in diesem Kampf eingeleitet, die, zum ersten Mal in diesem Krieg, in aller Welt die Hoffnung keimen ließ, von nun an werde es mit der Hitlerei steil bergab gehen. Schwer mitgenommen von dem deutschen Überfall, gleichzeitig aber auch durch ihn als Verbündeter an die Seite der westlichen Großmächte katapultiert, meldete die Sowjetunion mit diesem Sieg ihren Anspruch an, nach dem Krieg gleichberechtigte Großmacht neben ihren neuen Verbündeten zu sein. Was konnte ihr denn noch dazwischenkommen?

Genau das, was sich Leute wie Kleist und seine Auftraggeber, aber auch die deutsche Opposition gegen Hitler, erhofften: daß die Westmächte, erschreckt durch das unerwartet kraftvolle Comeback der Sowjetunion, tatsächlich ihre Politik umstellten und versuchten, sich mit einem Deutschland ohne Hitler, auf Kosten der Sowjetunion zu arrangieren. Was in Deutschland aber nur eine vage Hoffnung war, betrachtete man im Kreml – nicht erst seit der Münchner Konferenz von 1938 und dem Ausflug von Rudolf Heß nach England im Mai 1941 – als eine höchst reale Gefahr. Es war geradezu eine traumatische Vorstellung, welche die Politik der Sowjetunion schon immer mitbestimmt hatte.