Spiel ohne Subventionen: Lust und Frust der alternativen Theatermacher

Von Claudia Sautter

Jetzt krähten und kreischten, grunzten und rülpsten, schluchzten und jauchzten sie wieder. Jetzt schlugen sie wieder Purzelbäume, Räder und wilde Saltos. Wie auf geheime Verabredung tauchten sie in den Sommermonaten aus Kellertauchten Hinterhofschuppen und Workshop-Trainings auf zum großen Treck durch deutsche Städte, um ihre Spielwut auszutoben. Mit ausgedienten Bauwagen, umgebauten Bussen, mit Zelten und Treckern zogen sie nomadengleich von Ort zu Ort: Die Gaukler und Clowns, die Narren und Komödianten und freien Spielgruppen, deren mimische Triebe bei höheren Temperaturen besonders heftig ausschlagen. Auf Plätzen und Märkten, in Fußgängerzonen und U-Bahnhöfen, in Fabrikhallen und Zelten, in Jugendzentren und Freizeitheimen, auf Stadtteilfesten und Polit-Festivals hörte man ihre Schaurigen Balladen und derben Reime. Die spielenden Vagabunden hatten Hochsaison.

Mit schillernden Namen zogen sie das Volk in ihren Bann: Kommt zu „Jonathan Barfuß“ und „Philip Sonntag“, lockten Plakate, zu „Schedderhecks“ und „Oppeldock“, zu den „Schönen der Nacht“ und „Traums Teppich Theater“. Sie nennen sich „Lebendibus“ und „Nachtschicht“, „Hagebutten“ und „Rote Rübe“, „Wind und Sturm“, „Potzblitz“ und „Zan Pollo Theater“, „Natias Neutert“ und „Lichterloh“ und „Tempodrom“, „Kneifzange“ und „Hammerschlag“. Dem Werben erlagen, wie jedes Jahr, hauptsächlich die Szene-Freaks, die meist ebenso bunt aussehen wie die Darsteller. Da kam der Punk mit seiner Ratte, die Tunte mit Handtäschchen, die Latzhosen-Verhüllte und der Mala-Softie, der Apo-Onkel und die Friedensbewegte. Zu Aufführungen, die in ihren besten Momenten witziges Volkstheater, heitere Szene-Kolportage, beißende Polit-Klamotte, in ihren schlechtesten unerträglich dilettantische Spielversuche waren.

Mit den künstlerischen Ambitionen der großen Schauspielhäuser haben diese „freien“ Mimen wenig gemein. Dramen, Tragödien, Trauerspiele interessieren sie nicht. Sie wollen weder herrliche Hexameter noch zeitlose Jamben aufsagen. Sie kommen aus der Alternativszene, sie spielen für sie, und spielend spiegeln sie deren Utopien, Sehnsüchte und Hoffnungen. Bürokratische Theaterapparate, feste Häuser, die Herrschaft von Regisseuren, Intendanten und Kulturdezernenten sind ihnen ein Greuel. Auf Abonnentenpublikum legen sie keinen Wert. Sie verachten (und beneiden) die Sicherheit eines hochsubventionierten Schauspielhauses.

Stolz nennen sie sich „frei“, weil sie sich nicht an staatlich subventionierte Spielorte gebunden haben. Sie haben statt dessen die „Freiheit“ gewählt, jeden Abend um ihr Leben spielen zu müssen. 160 freie Theatergruppen gibt es in der Bundesrepublik, die ausschließlich vom Theaterspielen leben; weitere 450 spielen nur hin und wieder, müssen nebenher jobben! Sie müssen wenigstens 90mal im Jahr eine abendliche Mindestgage von 1500 Mark einspielen, um überhaupt existieren zu können: Ihr Einkommen liegt kaum über dem von Bafög-Empfängern. Bei einem Durchschnitt von 90 Vorstellungen im Jahr pro Gruppe und 250 Zuschauern pro Auftritt erreichen diese 160 Freien dreieinhalb Millionen Zuschauer im Jahr. (Zum Vergleich: In der Spielzeit 1980/81 besuchten rund sechs Millionen Zuschauer Aufführungen subventionierter Schauspielhäuser.) Stolz nennen sie sich „frei“, weil sie ihre Texte selbst schreiben und damit viel schneller und direkter auf soziale Bewegungen reagieren können als die Schauspielhäuser. Stolz nennen sie sich „frei“, weil sie die im staatlich subventionierten Theater übliche Arbeitsteilung zwischen Intendant, Schauspieldirektor, Regisseur, Bühnenarbeiter und Schauspieler aufgehoben haben. Alternative Theatermacher wünschen sich ihr Theater als Labor. Darin entwickeln sie am liebsten alles selbst. Die Story, den Text, das Stück, die Aufführung, das Bühnenbild, die Kostüme. Und stolz pochen sie auf ihr wichtigstes Kapital: die Identität von Spiel und Leben.

Aber sie wirbeln nicht nur auf ihren roh gezimmerten Bühnen: Mit ihrer keß vorgetragenen Kritik am staatlich subventionierten Theater zwingen sie Intendanten, Regisseure, Kulturdezernenten, Theaterkritiker und Germanistikprofessoren in die Argumentationsarenen. In Fernsehdiskussionen treten sie auf; Tagungen und Universitäts-Seminare beschäftigen sich mit ihnen; kluge (und schlampige) Bücher werden über sie geschrieben. In ihre Workshops, die sie in jeder größeren Stadt anbieten, kommen sogar erfahrungshungrige Jungmanager. Und manchmal zwingen sie selbst steife Bürger in Statistenrollen für ihre boshaften Possen.