Sein Bild strahlt hell unter den Länderchefs der Union. Das mag auch daran liegen, daß der Regierende Bürgermeister von Berlin national und international stets sichtbarer ist als andere Landesfürsten. Vor allem jedoch rührt es wohl daher, daß Richard von Weizsäcker ein Solitärgewächs ist: nicht der überall hochschießende Typ des forschen Geschäftsführers, nicht der unempfindsame Macher, nicht der polemische Wadenbeißer, sondern ein Mann, der Gescheitheit mit Skepsis verbindet, Entschiedenheit mit Versöhnlichkeit und Einsichtsfähigkeit mit Ausdrucksvermögen.

In den letzten Wochen hat Weizsäcker viele Schlagzeilen gemacht. Erst war er bei Erich Honecker, dann fuhr er zum Kirchentag der DDR-Protestanten nach Wittenberg: als ein Unionspolitiker, der Wesentliches dazu beigesteuert hat, daß seine Partei seit dem Bonner Machtwechsel in der Deutschland- und Ostpolitik einen Kurs der Kontinuität steuert, wie ihn die wenigsten erwartet hatten. Vor allem aber geriet er ohne sein Zutun ins Rampenlicht, als klar wurde, daß Karl Carstens keine zweite Amtsperiode in der Villa Hammerschmidt anstrebt. Seitdem will die Diskussion nicht verstummen, so sehr Helmut Kohl sie auch einzudämmen sucht: Soll Richard von Weizsäcker der nächste Bundespräsident werden?

Zweimal schon ist diese Frage an ihn herangetragen worden: 1964, als er im Wahlmännergremium der Union Gerhard Schröder unterlag, und zum zweiten Mal 1974, als Walter Scheel in der Bundesversammlung die Mehrheit davontrug. Würde Richard von Weizsäcker im nächsten Frühjahr erneut kandidieren, trotz aller Einwände von Franz Josef Strauß, so spricht einiges dafür, daß auch die Sozialdemokraten für ihn stimmen werden. Für einen Mann des Ausgleichs wäre das ein guter Start.

Die Meinungen – in Berlin wie in Westdeutschland – sind freilich gespalten. Möglicherweise schwankt Weizsäcker selber noch, welches Betätigungsfeld das wichtigere ist, wo seine besonderen Talente am nützlichsten und nötigsten sind, von wem er schließlich am Portepee gefaßt sein will. Unvermeidlich, daß sich in die grundsätzlichen Erwägungen auch taktisches Kalkül einschleicht.

Auf der einen Seite stehen jene vielen, die Weizsäcker „Verrat an Berlin“ ankreiden werden, falls er sich für Bonn entscheiden sollte. Hat er nicht mehrfach Berlin als seine „politische Lebensaufgabe“ bezeichnet? Hat er nicht vor zweieinhalb Jahren ausgerufen: „Gehen Sie davon aus, andere als Berliner Aufgaben wird es in meinem Leben nicht geben“? Bräche er nicht sein Wort, wenn er jetzt nach Bonn zöge? Ließe er nicht all jene im Stich, die er erst in seine Berliner Regierungsmannschaft geholt hat? Und brächte er seine Partei nicht in einige Verlegenheit, wenn sie sich jetzt schon nach einem Nachfolger umsehen müßte? Riskierte er damit nicht geradezu eine CDU-Niederlage bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im Jahre 1985? Weizsäckers Platz ist in Berlin, ist das Resümee derer, die so denken.

Dagegen steht die Meinung vieler anderer, die auf die schlichte Formel zu komprimieren ist: Die Villa Hammerschmidt ist wichtiger als das Schöneberger Rathaus. Gehe die Republik nicht einer Phase zerstörerischer Polarisierung entgegen? Gehöre da nicht ein Politiker auf den Stuhl des Bundespräsidenten, dessen Stärke gerade in seiner Begabung zum Ausgleich liege; der auch Ansichten, die nicht die seinen sind, mitzudenken vermag; der das Klima verbessern, die Bereitschaft zum Konsens wiederbeleben, die Stimmung entgiften kann? Bei manchem spielt obendrein die Überlegung eine Rolle, daß nicht alle drei Spitzenpositionen – Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzler – in der zur Hälfte protestantischen Bundesrepublik mit Katholiken besetzt werden dürften. Dies spricht gegen die Konkurrenten Weizsäckers: Alfred Dregger, Rainer Barzel, Hans Maier, allesamt Vertreter des westdeutschen Verbandskatholizismus.

Wo immer Richard von Weizsäcker am 1. Juli 1984 amtieren wird, in der Villa Hammerschmidt oder im Schöneberger Rathaus – seine Vorstellungen zur Bonner Ost- und Deutschlandpolitik werden die Linie der Bundesregierung entscheidend prägen. Es sind die Vorstellungen eines liberal-konservativen Politikers, der Pragmatismus mit perspektivischem Denken zu vereinen weiß; dem jedes Aussteigen aus der Kontinuität widersinnig erscheint; und der außenpolitisch wie innenpolitisch Gespräch und Zusammenarbeit sucht, nicht Konfrontation. Den auf dieser Seite abgedruckten Aufsatz hat Richard von Weizsäcker einer Sammlung seiner Reden und Schriften aus den vergangenen zwei Jahrzehnten vorangestellt, der im Siedler Verlag erscheint: „Die deutsche Geschichte geht weiter.“ Einige der darin enthaltenen Texte standen zuerst in der ZEIT. Theo Sommer