Von Michael Jungblut

Es war einmal ein kleiner Dicker. Der wollte eine Maschine verkaufen, die er in seinem Betrieb in Bullay an der Mosel nicht mehr gebrauchen konnte. Deshalb freute er sich, als ein Schweizer Unternehmen ihm dafür zehntausend Franken bot. Eine Anzahlung von dreitausend Franken traf auch bald ein. „Das sind seriöse Leute“, sagte sich der kleine Dicke, und ließ seine alte Schokoladenmaschine verladen.

Doch dann hörte er nichts mehr aus der Schweiz. Und sah auch kein Geld. „Ich habe Briefe geschrieben, ich habe gebettelt, ich habe gefleht – nichts“, erinnert er sich. Da setzte er sich schließlich ins Auto und fuhr nach Lugano, um selber nach dem Rechten zu sehen.

Dort erwartete ihn die zweite Enttäuschung. Statt einer properen Schokoladenfabrik fand er nur ein paar unansehnliche Gebäude und einen Anwalt, der ihn mit den Worten empfing: „Guter Mann, die Reise hätten sie sich sparen können. Hier ist nichts mehr zu holen.“

Der gute Mann wollte aber nicht einfach unverrichteter Dinge zurückfahren. Dazu tat es ihm viel zu leid um seine siebentausend Franken. Überdies gefiel ihm die Gegend. Also kaufte er kurzentschlossen die ganze Fabrik. Er bekam sie für hunderttausend Franken – „von denen ich natürlich die siebentausend abgezogen habe, die ich noch zu kriegen hatte“.

Das war vor zwanzig Jahren. Heute steht in Caslano bei Lugano gegenüber dem unansehnlichen alten Werk hinter rosaroten Mauern und inmitten grüner Rasenflächen eine der modernsten Schokoladenfabriken der Welt.

Als Hans Imhoff – der sich in Werbespots im Fernsehen selber gern als der „kleine Dicke von der Mosel“ vorstellt – die zur Einweihung geladenen Gäste am Haupteingang begrüßte, verließen die letzten Anstreicher das Gebäude durch die Hintertür. Und weil dann auch noch der Strom ausfiel, mußte der in Köln gelegentlich als Schokoladen-Napoléon apostrophierte Unternehmer seine Ansprache etwas verlängern – so lange, bis in dem weitgehend automatisierten Werk endlich alle Maschinen liefen und Zucker, Milchpulver und Kakaobohnen aus den Silos sich am Ende der Produktionsstraße tatsächlich in appetitlichbraune Schokoladentafeln verwandelten. Derweil wartete draußen auf dem Hof schon ein mit dem Schriftzug „Stollwerk“ geschmückter Lastzug, um die ersten zwanzig Tonnen Schweizer Schokolade für Imhoffs deutsche Susi-Läden abzuholen.