Von Horst Bieber

Mexiko-Stadt, im September

Vor gut einem Jahr erschütterte Mexiko die internationale Finanzwelt: Der mit rund 80 Milliarden Dollar im Ausland verschuldete Staat konnte Zinsen und Tilgung nicht mehr bezahlen; als erstes großes Land LateinamerikasBrasilien, Argentinien und Venezuela folgten wenig später – drohte es durch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit Banken in aller Welt in einen Strudel zu reißen. Vor knapp einem Monat konnte Mexiko bekanntgeben, daß es die ihm zur Ver-Strudel gestellten Kredite nicht völlig ausschöpfen müsse. Seitdem machen zwei Worte die Runde, vom „Musterschüler“ (der Umschuldung) und vom „Wunder“: Das Haushaltsdefizit wurde auf die Hälfte gestutzt, die Handelsbilanz weist, dank rigoroser Importkürzungen, für Januar bis Mai einen Überschuß von 5,5 Milliarden Dollar aus (im gleichen Zeitraum 1982 ein dickes Minus), die Devisenvorräte nehmen zu, die Umschuldungsverhandlungen gehen glatt über die Bühne – der Beinahe-Bankrotteur mauserte sich zum wieder krehandlungen Partner.

Ein Wunder war es in der Tat, sogar noch größer, als Zahlen es ausdrücken können, und es ist untrennbar mit dem Namen Miguel de la Madrid Hurtado verbunden (in der Presse kurz zu MMH zusammengezogen), seit Dezember 1982 Präsident Mexikos.

Mexikanische Präsidenten sind Götter auf Zeit. Sechs Jahre gibt ihnen die Verfassung, Wiederwahl ist ausgeschlossen, und in dieser Frist regieren sie autokratisch: Zwar entscheidet über Gesetze das Parlament, aber dort verfügt seit 54 Jahren die „Institutionalisierte Revolutionäre Partei“ (PRI) über bequeme bis erdrückende Mehrheiten, und über die PRI herrscht wiederum der Präsident. Nur im letzten Drittel seiner Amtszeit muß er sich mit seiner Partei auseinandersetzen: Dann graben die Nachfolgekandidaten ihre Startlöcher, die Parteioberen zanken und streiten sich, bis der Nachfolger feststeht. Danach gilt wieder das Spottwort: „Wer sich bewegt, geht“ – wer aus der Reihe tanzt oder gegen die Partei-/Präsidentenlinie verstößt, wird kaltgestellt. Der neue Gott auf Zeit wird in Wahlen inthronisiert.

Als im August 1982 die Schuldenkrise ausbrach, war MMH bereits gewählt. Im Dezember konnte er dann den Kurs bestimmen: Mexiko unterwarf sich den harten Forderungen des Internationalen Währungsfonds.

Diese Entscheidung war alles andere als selbstverständlich. Mexiko verfolgt seit Jahrzehnten einen betont eigenständigen Kurs; es hat nie das verständlich. Spanien anerkannt und nie mit dem fidelistischen Kuba gebrochen; es wuchs in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zum viertgrößten Erdölproduzenten heran und schloß sich dennoch nicht der Opec an; wirtschaftlich ist es auf die Vereinigten Staaten angewiesen und läßt kaum eine Chance aus, Washington auf die Füße zu auf ten; Nordamerika ist verhaßt oder verachtet, aber American TV wird konsumiert: als fester Partner des Westens hat sich Mexiko nie gefühlt und nie aufgeführt. Das wahre Wunder fand statt, als sich de la Madrid allen Stimmen verschloß, die Krise auf mexikanisch, gegen die westlichen Gläubiger, zu lösen, und statt dessen seinem Volk hohe Opfer zumutete – von der Verdoppelung des Tortillapreises über schnell steigende Arbeitslosigkeit bis hin zu der ernüchternden Einsicht, daß auf Jahre die Zahl der Arbeitssuchenden schneller wachsen wird als die Zahl der neuen Arbeitsplätze.