ZDF, Mittwoch, 21. September: Lotto 7 aus 38

In der vergangenen Woche beanspruchte zu allgemeiner Verwunderung eine Sendung höchstes Interesse, auf deren Behandlung die Fernsehkritik, dies sei offen gestanden, nicht eingestellt war: Die Ziehung des Mittwochlottos – 7 aus 38. Fünf Minuten wurden wichtiger als langlange Stunden, in denen Ball- und Fernsehspiele zur Darbietung kamen.

Was war geschehen? Etwas Ungeheures, nie Erwartetes: der Ernstfall. Die Ziehungsmaschine war stehengeblieben. Sie bockte und stockte und weigerte sich, kaum daß ganze zwei Zahlen ausgespuckt waren, die restlichen fünf ordnungsgemäß zu befördern. (Pardon, die sechs, da’s ja eine Zusatzzahl gibt.) Sie war also da, die Katastrophe – ein perfektes Debakel, wie man es zuletzt in Spanien vor der Fußballweltmeisterschaft erlebte. Spanien: das muß, so viel bemerkte der Betrachter am Bildschirm, als die Panne nicht mehr zu beschönigen war ... Spanien, das muß für die Ziehungs-Beamten nicht nur wegen der Leistungen der bundesrepublikanischen Mannschaft ein Alptraum gewesen sein.

Auf jeden Fall herrschte Ratlosigkeit, der Vorgang mußte abgebrochen werden, Schriftzeichen wurden eilig zusammengestellt, und während die Reichen aus Denver ihre Qual mit Geld und Sexualität hatten, erschien auf dem Bildschirm wiederholt die Nachricht, daß das Resultat der Ziehung um 22 Uhr mitgeteilt werde. Armer Blake Carrington: betrogen ausgerechnet von Krystle, der Reinen und Feinen, und doppelt betrogen durch das Mittwochslotto, das die Aufmerksamkeit von den küssenden Mündern auf eine Ziehungsmaschine ablenkte.

Ja, und dann war es endlich soweit, 22 Uhr 10. Krystle und Dr. Toscanni, der frauengierige Psychiater, hatten sich eng umschlungen in Großaufnahme verabschiedet, die Sprecherin trat in Aktion, und dann folgte eine Minute, die beispiellos ist in der Geschichte unseres Fernsehens: der Duden wurde zitiert – in Windeseile heruntergehaspelt, was irgendwie mit Ziehung zu tun hat: Ziehungsmaschine, Ziehungsvorgang, Ziehungsinstrument, Ziehungsleiter. Vom Beziehungswahn ergriffen leistete die Ansagerin, was die Maschine verweigert hatte: den Ziehungs-Vorgang mit atemberaubender Perfektion abspulen zu lassen. Und darauf eben kam es dem ZDF offenbar an: eine Scharte – mehr: eine furchtbare Schlappe mußte in Ordnung gebracht werden. Ein Debakel, das durch und durch unverdient war: „Das Ziehungsgerät“, sagte die Sprecherin, „gehört nicht dem ZDF.“

Das war der schönste Satz, den man seit vielen Jahren im Fernsehen hörte: Die Maschine, die so kläglich versagt hat, ist nicht Eigentum unserer Anstalt. Wir lehnen jede Verantwortung ab. Und da sage noch einer, wir Deutschen hätten keinen Humor. Momos