Von Margrit Gerste

New York, im September

Der gebeugte alte Mann mit dem weißen Spitzbart konnte die junge Fernsehreporterin vor dem Delegierten-Eingang der Vereinten Nationen nicht dazu bewegen, seine Denunziation in ihren Bericht über das erste große Ereignis der 38. UN-Vollversammlung aufzunehmen. Er hatte sich ein selbstgefertigtes Plakat um den Hals gehängt, auf dem Ronald Reagan in einer seiner vielen kleinen Filmrollen als Cowboy abgebildet war, die Hand am Colt: „Si vis pacem para bellum“. In einem Land fremdsprachlicher Analphabeten kann man sich so kaum verständlich machen. Aber die junge Reporterin hatte noch einen anderen Grund, den alten Mann nicht aufzunehmen: Der so angeklagte Präsident hatte gerade die Rolle gewechselt. Auf dem Forum weltweiter Diplomatie und Fernsehübertragung sprach er nicht mehr von mordenden und massakrierenden Russen aus dem Reich des Bösen, sondern von der „koreanischen Flugzeugtragödie“.

Die meisten Delegierten der 158 Mitgliedstaaten registrierten diese Mäßigung erleichtert. Einer aus dem Lager der blockfreien Länder der Dritten Welt meinte: „Diese Suppe ist nun auch schon zweimal hier aufgekocht worden. Beim dritten Mal wird sie unverdaulich.“ Die Mehrheit habe es satt, sich aus propagandistischen Gründen vor den Ost-West-Karren spannen zu lassen, das Klima sei schon schlecht genug. Niemand habe Interesse an einem weiteren Schlagabtausch über das Flugzeug.

„Die große Mehrheit will wichtige ökonomische und soziale Probleme ansprechen“, sagte der frisch gewählte Präsident der diesjährigen Vollversammlung, Jorge Enrique Illueca. Der 65jährige Anwalt, in Harvard erzogen, ist gleichzeitig Vizepräsident von Panama und in Washington und am East River bekannt als zäher Verhandlungspartner mit spitzer Zunge. Ob ihm das Unmögliche gelingen wird: die sowjetisch-amerikanische Konfrontation aus der Generaldebatte herauszuhalten? Letzte Woche gab er sich skeptisch. Und ob das Kernstück der Reaganschen Rede zur Entkrampfung beiträgt, die neuen Richtlinien für Paul Nitze, den amerikanischen Unterhändler bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen? Bei den Fernsehkommentatoren, professoralen Analytikern, Raketenzählern und Kaffeesatz-Lesern war das am Montag abend noch sehr umstritten. Wird die Versammlung, von 35 Staatsoberhäuptern und 29 Außenministern besucht, wieder bloß eine Kulisse für den Kampf um die öffentliche Meinung abgeben?