Von Ludwig Hang

Als ich heute morgen den eleganten und schönen Kranich sah, wie er dastand auf seinem Podest, schlank und hoch aufgerichtet und mit dem Stein in seiner Kralle, da dachte ich an Max Bense, den legendären Großvater der Konkreten Poesie, wie er dasaß auf seinem Lehrstuhl in Stuttgart, gedrungen und kompakt und mit einem Geldstück in der Hand; und als ich erst die Dichter sah, schlank und hoch aufgerichtet und gedrungen und kompakt, denen die Wörter auf der Zunge liegen wie dem Kranich der Stein in der Kralle und Max Bense das Geldstück in der Hand, da, überwand ich mich doch, ein paar Sätze zu Ihnen sagen zu sollen, auch wenn ich längst entschlossen war, nichts sagen zu wollen, weil ja doch in anderthalb Tagen vieles, vielleicht sogar alles gesagt worden war.

Aber dieser Kranich, wie er dasteht auf seinem einen Bein, und das andere hebt, mit dem Stein in der Kralle, und Max Bense, wie er dasitzt auf seinem Lehrstuhl, mit dem Geldstück in der Hand, was sind das für Wesen?

Der Kranich ist ja nicht nur der kluge Gesellschafter des chinesischen Kaisers, ist nicht nur das geheimnisvolle Sternbild am südlichen Himmel, wo wir von hier aus gar nicht hinsehen können, ist auch nicht nur der Vogel des Ibykus, der Bote des Frevels, der Sendling der Sühne, ist nicht nur das geflügelte Aufsatzthema, der gespornte Kurier in einem griechischen Theaterstück, er ist, mit dem Stein in der Kralle, das Sinnbild der Aufmerksamkeit, der Herold der Wachsamkeit, ein Geschöpf der Weisheit. Und was für einer.

Max Bense, zu der Zeit, als er die Konkrete Poesie aus den Axiomen des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik erfand, mußte auch auf der Hut sein, vor Kritikern und Kuratoren und vor allem vor Kultusministern, und so konnte er sich, ebensowenig wie der Kranich, ein ausgedehntes Mittagsschläfchen leisten und saß auf seinem Lehrstuhl mit einem Geldstück in der Hand, und zwischen zwei Vorlesungen, wenn ihn ein kleines Nickerchen ankam, da fiel ihm nicht nur der Kopf auf die Brust, sondern auch das Geldstück auf den Boden und schepperte, und Max Bense war hellwach und sprang auf und wandte sich spornstreichs den thermodynamischen Axiomen der Poesie zu und sagte: „Zwei Minuten Schlaf, und alles ist vertan.“

Und wie recht er damit hatte! Was konnte nicht alles geschehen sein in zwei Minuten, in denen er die Konkrete Poesie aus den Augen und aus seiner Kontrolle verlor. Es konnte ein baden-württembergischer Kultusminister in dieser Zeit Argumente gesammelt haben, die Konkrete Poesie einen Irrtum nennen und mit seinen Argumenten bestreiten, daß sie die höchste Wahrheit sei.

Sie sehen, wie sich das eine zum andern, der Kranich zu Max Bense und beides sich zum dichtenden Dichter fügt, wie man es gestern und heute hier in Darmstadt hat hören und erleben können, ja, wie sich am Ende der Stein und die Münze in das Wort verwandeln und das Wort auf der Zunge des Dichters zum Symbol der Aufmerksamkeit und der Wachsamkeit geworden ist.