Von Heddy Pross-Weerth

Andrej Bitow begann mit der Arbeit an diesem 1971 beendeten Roman 1964. Es war die Zeit, als nach den Jahren der großen Enthüllungen und dem sogenannten Tauwetter der Denk- und Handlungsspielraum auf allen Ebenen erweitert worden war. Die damals junge Generation strebte unruhig „zu neuen Ufern“ und erkannte gleichzeitig, daß sie – als Produkt einer beispiellosen neuen Ära erzogen – der Geschichte beraubt war. Es galt, die Wurzeln zu suchen, mochten sie ruhig morsch sein. Bitow, selber Kind dieser Generation, setzt ihr ein Denkmal. Er hält fest, was sie bewegte und erschütterte, was sie vermocht und nicht vermocht hat. Er schließt mit dem 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, an dem er seinen Helden symbolisch im Duell umkommen, ihn physisch aber weiterleben läßt.

Der Held Ljowa bleibt dem Leser in eigentümlicher Weise fern, denn Bitow schildert ihn als eine mögliche, daher nicht greifbare Figur, in der sich die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ljowa entstammt einer altrussischen Fürstenfamilie (der Autor gibt ihr den Namen Odojewzew in Assoziation zu dem Fürstengeschlecht Odojewskij, dessen letzter Vertreter, Wladimir Odojewskij, als Philosoph und Schriftsteller im russischen Geistesleben des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte). Ljowas Großvater, ein berühmter Sprachwissenschaftler, verbringt wegen seiner „rückständigen“ Theorien fast 30 Jahre in Straflagern und in sibirischer Verbannung. Ljowas Vater wird mit Frau und Sohn auf mehrere Jahre verbannt; nachdem er sich von den „Irrlehren“ des eigenen Vaters losgesagt hat, erhält er dessen Leningrader Lehrstuhl.

Ljowa, im verhängnisvollen Jahr 1937 geboren, wächst nach dem Krieg in einem nur von Professorenfamilien bewohnten Haus heran. Die Eltern widersetzten sich – verbal – der Indoktrinierung in Schule und Jugendorganisation nicht. Die häusliche Atmosphäre entwickelte von selbst gewisse Immunitäten. Darüber hinaus lernt der Junge beizeiten, nicht aufzufallen, kein Risiko einzugehen, Freiräume optimal zu nutzen, ihre Grenzen aber gewissenhaft zu respektieren. „Die gefährlichen Geheimnisse der Zeit“ dem Jungen zu verheimlichen war den Eltern zwar gelungen, aber, so fährt Bitow fort: „der Zeit gelang es nicht.“ Sie war „schwatzhaft“ und „gesellig“ geworden nach Stalins Tod. „Die Zeit ließ die Menschen an ihre Oberfläche tauchen, und sie trieben glücklich dahin wie in einem warmen Meer, wenn der langersehnte Urlaub endlich gekommen ist; sie hatten es gelernt, sich über Wasser zu halten.“

Ljowa, der unter seinen Altersgenossen keinen wirklichen Freund und zu seinem Vater keinen Kontakt hat, macht sich eine Vaterfigur zurecht. Zunächst sieht er sie in einem Freund der Familie, der lange Jahre in Gefangenschaft war, später in dem aus der Verbannung zurückgekehrten Großvater. Beide Männer: lassen ihn jedoch mit seinen Fragen an Vergangenheit und Gegenwart allein. Die selbst gewonnenen schlimmen Erkenntnisse verbirgt er vor anderen, vergräbt sie in sich und stürzt sich „ins Leben“: Da ist die leidenschaftlich geliebte, vulgäre Faina, die sich seine Liebe nur gegen Geschenke gefallen läßt; da ist die ungeliebte Albina, deren hingebungsvolle Liebe er sich gefallen läßt; und schließlich ist da die „beliebige“ Ljubascha, bei der er Erholung findet.

Wie Vater und Großvater wird Ljowa Philologe. Noch als Student erregt er in Fachkreisen Aufsehen mit einem Essay, der sich nicht ans Schema wissenschaftlicher Abhandlungen klammert, dafür aber eigene Gedanken und Fragestellungen entwickelt. Das bestaunte Novum besteht darin, daß überhaupt jemand eigene Einfälle hat. Sie vorzutragen, bedurfte keines besonderen Mutes – „die Zeit ließ es zu.“

Die Anerkennung – aber nicht nur sie – spornt Ljowa an, sich mit weiteren eigenen Themen zu beschäftigen. Doch sein Schwung erlahmt im selben Maße, wie er begreift, daß ihm ein eigenes, innerlich souveränes Leben verwehrt ist. Er erkennt, daß die grundlegende, treibende Kraft in ihm Furcht war, „Furcht vor Demütigung, Furcht vor allem, auch vor allem Eigenen“. Daher seine Angepaßtheit, daher aber auch sein Isoliertsein.