Wie die Hamburger den Frieden fördern wollen und die partie darüber spalten

/ Von Dieter Buhl

Auf Landesparteitagen haben sich die Sozialdemokraten am Wochenende in Schleswig-Holstein und Hamburg grundsätzlich gegen eine Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen auf dem Boden der Bundesrepublik ausgesprochen; in Berlin votierten sie für ein „bedingtes Nein“. Wie die Entscheidung in der Hansestadt zustandekam, schildert unser Redaktionsmitglied

Hamburg, im September

Der Besenbinderhof, ein massiger Schnörkelbau aus der Zeit der Jahrhundertwende, ist das traditionelle Parteitagslokal der Hamburger Sozialdemokraten. In seinem engen, schmucklosen Saal haben sie während der vergangenen Jahre viele rhetorische Schlachten geschlagen. Hier stritten die Genossen über Atomenergie und Anti-Terror-Gesetze, über Stadtplanung und Stamokap-Theorie; hier feierten und demütigten sie den Bundeskanzler Helmut Schmidt; hier übten sie Solidarität in den eigenen Reihen und öfter noch den Bruderzwist.

Mit dem Nachrüstungsproblem hatten sich die Delegierten am vorigen Wochenende ein Thema aufgeladen, das von vornherein Streit garantierte. Wochenlang war in den Parteidistrikten darüber debattiert worden. Jetzt lag das Ergebnis vor – der gewohnte Wust von Anträgen, in dem sich die Gegensätze widerspiegelten. Nicht nur das Für und Wider gegen den Doppelbeschluß ließ sich daran ablesen, die Papiere dokumentierten auch die Frontstellung, die der SPD heute überall zu schaffen macht: Gefühlsbewegung gegen Pragmatismus, Links gegen Rechts, Basis gegen Parteiführung.

Die Bühne war denn bereitet für eines der verwirrenden Stücke, die seit langem bei der Hamburger Sozialdemokratie auf dem Spielplan stehen. Doch bevor das Weltpolitik-Theater beginnen konnte, bevor sich die Delegierten um Krieg und Frieden schlagen konnten wie die Besenbinder, meldete sich erst einmal die lokale Wirklichkeit zu Wort. Sie trat in der hemdsärmeligen Gestalt von Werftarbeitern und Gewerkschaftsfunktionären auf. Die erinnerten daran, daß die hanseatische SPD neben Pershing II und Cruise Missiles durchaus noch andere, sogar näherliegende Probleme zu bewältigen hat – beispielsweise das Siechtum der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) und die dort gerade an 1354 Arbeiter verschickten Kündigungsbriefe.