Von Siggi Weidemann

Viele Städte versteht man erst, wenn man sie wiedersieht. Zuerst war ich zufällig nach Geht gekommen. Auf dem Weg nach Brügge. Gent hatte keinen so guten Namen: Industriestadt, Hafen, verwahrloster historischer Stadtkern. Der Schwefelgestank und der nervtötende Verkehr ließen mich rasch ins verträumte Brügge weiterfahren. Der alles überragende Beifried ist mir damals von Gent in Erinnerung geblieben.

Nun war ich wieder in Gent – nach acht Jahren. Inzwischen hat die Hauptstadt Ostflanderns, einst mächtigste und größte Stadt nördlich der Alpen, ihren Mitritt von der Weltbühne im 16. Jahrhundert verarbeitet. Sie schämt sich nicht mehr der abbröckelnden Hinterlassenschaft, sondern zeigt sich stolz. Ein Gang durch die Gassen, über die Märkte, durch die Kirchen und Viertel wird zu einem Lehrgang in abendländischer Geschichte.

Ich strolche durch „Patershol“, das verschachtelte Labyrinth der „Patershölle“. Es ist das älteste, pittoreskeste, aber auch sanierungsbedürftigste Viertel der einst so ruhmreichen Metropole.

Es riecht nach Kraut und Armut. Die kleinen Leute gingen bei der Verteilung des Reichtums stets leer aus. Die jugendlichen Arbeitslosen, die ich zwischen Kraanlei und Steenstraat anspreche, sind von der Stadt engagiert, um gotische Fassaden zu restaurieren. In dem unter Denkmalschutz stehenden „Patershol“ werden jetzt 94 Gebäude mit öffentlichen Mitteln vor dem weiteren Verfall gerettet. Wo Eigentümer nicht mitziehen, werden sie enteignet. Für etwa 100 000 Mark kann man hier bereits ein gotisches Haus, im warmroten flaandrischen Ziegel gemauert, mit Treppengiebel erwerben.

Denkmalschutz wird großgeschrieben. Erst 1975 wurde dafür eine eigene Behörde mit zwölf Mitarbeitern gegründet. Nicht nur in „Patershol“, sondern überall in der historischen Quadratmeile der Innenstadt wird eifrig restauriert. Mit dieser Aktivität will man nicht nur die Innenstadt für die Bürger attraktiver machen, man erhofft sich auch eine Belebung für den Fremdenverkehr und schielt dabei auf die Erzrivalin Brügge, die bereits seit Jahrzehnten in der Gunst der Touristen weit vorn liegt. In Brügge zählt man etwa zwei Millionen jährliche Besucher, in Gent sind es nur 500 000.

Daß man sich auf dem rechten Weg glaubt, verspricht allein die Tatsache, daß der oberste Denkmalschützer, Jacques Monsaert, seit einigen Monaten Bürgermeister ist. Ein Amt, das nicht nur der Repräsentation dient, wie das Beispiel Jacob von Artevelde zeigt, dessen Standbild auf dem Vrijdagsmarkt steht. Artevelde hatte es im 15. Jahrhundert verstanden, die Stadt durch die Ausweitung des Tuchhandels und durch ein Bündnis mit England zu pracht- und machtvoller Blüte zu führen.