Irritationen auf einem traditionsreichen Musikfest

Von Lutz Lesle

Das Plakat, das den 26. „Warschauer Herbst“ ankündigt, sieht dürftig aus. Gegen die kühnen Blickfänge früherer Jahre – bunte Tränen 1978, entflammtes Violoncello 1980, Atompilz-Blumenbouquet 1981 – mutet der einsame Fallapfel mit dem Rauchfähnchen und der winzigen Schrift in Buchstabenkästchen wie eine Schülerarbeit an. Das Programmkomitee dieses Festivals der Neuen Musik, das sich seit einem Vierteljahrhundert bemüht, in Osteuropa Entwicklungen der aktuellen Musik zu dokumentieren und triftige Wertbegriffe zu entwickeln, hält die Graphik denn auch schamhaft verborgen. Außer im Hotel „Europejski“, wo es orientierungshalber an der Tür des Festivalbüros klebte, habe ich es nirgends hängen sehen. Auf den öffentlichen Anschlagflächen fand der „Warszawska Jesień“ jedenfalls nicht statt. Ist der „Warschauer Herbst“, unter widrigen Umständen gleich im ersten September „nach dem Kriege“ wiederbelebt, ein Wunder, das sich versteckt hält?

„In gewissem Sinne ja“, ist dazu aus polnischem Munde zu hören. Was den westlichen Besucher irritiert, zumal wenn er das Land vornehm überfliegt anstatt sich in die Bahn zu quetschen oder auf der Landstraße zu kommen, ist in Polen derzeit normal: Eines paßt oft nicht zu andern. Das gilt nicht nur für Monatslöhne und Lebensmittelpreise, sondern auch für Kunstpolitik und Festspielbetrieb.

Wie in anderen Ländern des sogenannten Ostblocks hat auch in Polen, heuer mehr denn je, das Ungereimte Methode. Wenn das Festivalkomitee, der öffentlichen Finanzkatastrophe zum Trotz, 1983 viermal soviel, Zlotys bekam wie im Jubiläumsjahr 1981, wenn der polnische Komponistenverband als einzige Künstlervereinigung (bisher) nicht aufgelöst wurde, wenn der sowjetische Komponist Edison Denisow zur polnischen Erstaufführung seines Requiems nicht von der Moskwa an die Weichsel reisen durfte, der Rostropowitsch-Schüler Iwan Monighetti aber von den Moskauer Behörden die Genehmigung erhielt, Krzysztof Pendereckis zweites Cellokonzert beim „Herbst“ aufzuführen – dann wächst bei den Künstlern die Irritation.

Irritierte, sagt man, denkt man, seien leichter zu regieren. Die Warschauer Militärs haben mit ihnen gleichwohl ihre Schwierigkeiten. Zweifellos wäre das Festival nicht zustandegekommen, hätte man den Komponistenverband zum Teufel gejagt. Auch ist das Verhältnis der Musiker zu den Massenmedien nach wie vor gespannt. Ein Komponist wie Krzysztof Meyer, dessen „Polnische Symphonie“ mit Aufführungsverbot belegt wird, während seine Stücke aus den Rundfunksendungen verschwinden, denkt nicht daran, Interviews über aktuelle musikalische Ereignisse zu geben. Weigerung auch auf der Gegenseite: Den Kulturminister sah man weder beim Gastspiel der Wuppertaler Bühnen, die Meyers geglückten Versuch einer Vollendung des Opernfragments „Die Spieler“ von Dimitrij Schostakowitsch nach Warschau brachten, noch in den Konzerten der deutschdemokratischen, rumänischen und bulgarischen Ensembles. Von den polnischen zu schweigen.

Was mag Kulturfunktionäre bewegen, einen „Warschauer Herbst“ nicht nur zu genehmigen, sondern auch beträchtlich zu fördern? Manches spricht dafür, daß sie eine (handliche, weil eingespielte) Zirkusnummer brauchen, die in den westlichen Medien widerklingt und Kredit verspricht: Seht her, so unmenschlich sind wir gar nicht! Überdies bringt die Erhaltung der musikalischen Ost-West-Kontakte bare Münze: Eine Behörde, die Komponisten und Interpreten gewährt, in nicht-sozialistischen Ländern Geld zu verdienen, verschafft dem Staat harte Valuta (auf dem Wege des Zwangsumtauschs oder der staatlichen Abwicklung von Tourneegeschäften). Denkbar auch, daß Musik – sogar die mißtönend-zeitgenössische – der Kulturverwaltung weniger verdächtig erscheint als alle anderen Künste, als sei sie harmlos von Natur und rede schlimmstenfalls in dunklen Zungen. Frau Musica als Wiegemutter einer aufmüpfigen Nation, Hebamme der „nationalen Wiedergeburt“?