Bücher haben ihre Schicksale, und manches „Schicksal“ vollzieht sich, ganz unabhängig von Plan und Intention der Autoren, schon während die Bücher noch entworfen und geschrieben werden. „Erkenntnis und Interesse“ etwa verdankt seine intensive und extensive, die Bannmeile der Fachgenossenschaft rasch überschreitende Wirkung sicher einer glücklichen historischen Stunde: es ist das Buch eines (in diesem Sinne) glücklichen Autors.

Schon im Sommer 1965, in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung, hat Habermas thesenhaft das Programm seiner Arbeit umrissen, mit deutlicher Polemik gegen den herrschenden Positivismus. Die Entdeckung „erkenntnisleitender Interessen“ soll den „ontologischen Schein reiner Theorie“ zerstören. Versprochen war damit auch, ohne freilich lauthals verkündet zu werden, eine neu entworfene Verbindung von Theorie und Praxis.

Als dann im April 1968 das Buch erscheint, hat sich das politische Gesicht der Bundesrepublik jäh verwandelt: gegen das Machtkartell der Großen Koalition, in der sich die restaurative Nachkriegsepoche vollendet, ist eine außerparlamentarische Opposition in Bewegung geraten. Der Konflikt zwischen einem reflexionslosen Politmanagement und einer unerfahrenen Fundamentalkritik treibt auf seinen Höhepunkt.

Was in dieser Lage eine Schrift bedeuten und bewirken kann, der es um die Erneuerung von Erkenntnistheorie nach ihrer Verdrängung durch den Positivismus geht, das mag auf den ersten Blick schwer auszumachen sein. Die Kraft der Habermas’schen Untersuchung bewährte sich ja auch darin, daß sie sich in einer günstigen historischen Stunde eben nicht (wie damals das Werk Marcuses) aktualistisch verbrauchen, verflachen ließ. Dazu ist der Bogen der Untersuchung, in der sich die Vorgeschichte des neueren Positivismus von Kant über Fichte, Hegel, Marx, Peirce und Dilthey bis zu Freud und Nietzsche entfaltet, zu anspruchsvoll weit gespannt. Dazu werden die einzelnen Autoren auch zu unnachgiebig differenzierend und vor allem zu immanent interpretiert. Nein, dieser Autor zeigte sich durchaus nicht geneigt, die altakademische Würde seiner Frage nach den Bedingungen unserer Erkenntnis an irgendeine opportune politische Tagesstimmung zu verraten.

Und doch beeindruckt Habermas’ Art, „Philosophiegeschichte in systematischer Absicht“ zu schreiben, durch ihre Sprengkraft. Seine „Rekonstruktionen“ fremder Theorieansätze verfahren zwar immanent, doch sie verfolgen die immer gleiche Strategie, rekonstruierend die Risse, die Lücken, die Inkonsequenzen im jeweiligen Theoriegebäude aufzudecken. Gezeigt wird, von Marx bis Freud und Nietzsche, wie im 19. Jahrhundert selbst ein von borniertem „Szientismus“ freies Denken dessen ideologischer Macht immer wieder erliegen konnte.

Aus solchen Rissen und Widersprüchen, gegen den beflissenen Verzicht auf radikale Reflexion entwickelt Habermas ein Modell von Erkenntniskritik, das den Namen Kritik wieder verdienen soll, das also mehr wäre als bloße Wissenschaftstechnik, reine Methodologie. Vorgeschlagen wird da nicht mehr und nicht weniger als eine gattungsgeschichtliche Fassung des Erkenntnisproblems. Nur wenn unsere „erkenntnisleitenden Interessen“ menschheitsgeschichtlich gerechtfertigt sind, also der Gattung technische Verfügung über die Natur garantieren (wie durch die Naturwissenschaften) oder eine intersubjektive Kommunikation aufrechterhalten helfen (wie durch die Sozial- und Geisteswissenschaften), nur dann läßt sich die Illusion „reiner Theorie“ auflösen, nach der Erkenntnis nur verläßlich operiert, wenn sie von Interessen gerade gereinigt ist.

Folgenreich allerdings, anregend, auch zum Widerspruch, ist „Erkenntnis und Interesse“ weniger durch seine unermüdlichen Unterscheidungen zwischen dem Status empirisch-analytischer und historisch-hermeneutischer Forschung geworden als durch eine im letzten Drittel zwingend durchgeführte Interpretation des theoretischen Standorts der Freudschen Psychoanalyse. Schon weniger zwingend wird diese dann als Beispiel für einen dritten, einen „kritischen“ Wissenschaftstypus den etablierten Wissenschaftsgruppen nicht nur gleichrangig gegenübergestellt, sondern stillschweigend übergeordnet. Denn das in kritischer Wissenschaft wie der Psychoanalyse erkenntnisleitende Interesse ist auf Emanzipation gerichtet, auf Mündigkeit und Freiheit von naturwüchsigem Zwang. Es ist also die Vernunft selbst, die hier dem Interesse „innewohnt“. Kritische Wissenschaft wäre demnach die eigentliche Vollzugsgehilfin einer treu aufklärerisch „als Bildungsgeschichte begriffenen Gattungsgeschichte“.