Im Dezember 1979 faßten die Mitgliedsregierungen des Nordatlantik-Pakts jenen Beschluß, der seither unter dem Stichwort „Nachrüstung“ und „Doppelbeschluß“ bekannt ist: Die Aufstellung von bis zu 572 amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa ab Ende 1983, wenn bis dahin nicht durch Verhandlungen mit der Sowjetunion eine Lösung durch Rüstungskontrolle gefunden werde. Zunächst lehnte die Sowjetführung jegliche Verhandlungen ab, solange die Nato nicht ihren Beschluß aufhebe. Aber im Juli 1980 sagte Präsident Breschnjew dem damaligen Bundeskanzler Schmidt zu, mit den Vereinigten Staaten über die Begrenzung und Reduzierung von Mittelstreckenwaffen zu sprechen.

Seit November 1981 verhandeln in Genf die Vereinigten Staaten (Delegationsleiter Paul Nitze) und die Sowjetunion (Delegationsleiter Juli Kwizinskij) über „Intermediate Nuclear Forces“ (INF). Obwohl seither beide Seiten ihre Positionen wiederholt umformuliert haben, halten sie letztlich an ihren Ausgangsprinzipien fest.

Für die Vereinigten Staaten war das Leitmotiv von Anfang an: Die sowjetische Vorrüstung hat das Gleichgewicht gestört, die Verhandlungen müssen es wiederherstellen. Deshalb schlug der amerikanische Präsident im November 1981 zunächst eine „Null-Lösung“ vor: Keine Seite solle das Recht haben, irgendwo in der Welt Mittelstreckenraketen aufzustellen. Auch sollten Flugzeuge mit mittleren Reichweiten der Einfachheit halber zunächst nicht zur Verhandlung stehen.

Im März 1983, als immer deutlicher wurde, daß die Sowjetunion einem völligen Abbau ihrer fast 350 modernen SS-20-Raketen nicht zustimmen würde, bot Reagan eine „Zwischenlösung“ an: Das Gleichgewicht sollte – nach Wahl der Sowjets – irgendwo zwischen 0 und 572 (der Gesamtzahl der im Nachrüstungsbeschluß der Nato vorgesehenen 108 amerikanischen Pershing II und 464 Marschflugkörper) eintariert werden.

Im September 1983 schlug Reagan eine neue Variante der Zwischenlösung vor, die sowjetischen Vorstellungen entgegenkommen soll. Es bleibt bei der amerikanischen Forderung nach globalen Höchstgrenzen (also nicht nur für die in Europa vorhandenen und auf Europa gerichteten Mittelstreckenwaffen der Weltmächte): Die Vereinigten Staaten würden aber nicht darauf bestehen, das sowjetische Arsenal nur mit in Europa stationierten Waffen auszugleichen; sie benalten sich das Recht vor, Raketen auch andernorts aufzustellen, ohne daß sie dieses Recht unbedingt ausüben wollen. Auch Flugzeuge mittlerer Reichweite sollen nach dem amerikanischen Plan in eine Zwischenvereinbarung aufgenommen werden. Schließlich werden bei Kürzungen auf westlicher Seite beide Systeme – die Pershing II und die Marschflugkörper – gleichermaßen berücksichtigt.

Die sowjetische Position ist nicht weniger konsequent geblieben als die amerikanische. Ihr Grundprinzip: Die westliche Nachrüstung würde das Gleichgewicht zu Lasten der Sowjetunion verschieben und muß daher unterbleiben. Zunächst behaupteten die Russen, es gebe bereits ein Gleichgewicht in Europa; die im asiatischen Teil der Sowjetunion vorhandenen Mittelstreckenwaffen wollten sie ohnehin nicht beschränken lassen. Nach offiziellen Moskauer Angaben stehen in Europa 975 Systeme (Raketen und Flugzeuge) auf östlicher Seite 986 derartigen Systemen auf westlicher Seite (einschließlich der französischen und britischen strategischen Waffen) gegenüber.

Im Februar 1982 verlangte Parteichef Breschnjew, daß keine neuen Mittelstreckenwaffen aufgestellt und die vorhandenen Systeme nach Zahl und Waffenwirkung eingefroren würden. Das vorhandene Arsenal sollte bis 1985 auf jeweils 600 und bis 1990 auf nicht mehr ab 300 Systeme verringert werden. Im März 1982 kündigte Breschnjew an, die Sowjetunion würde fortan keine weiteren SS-20-Raketen in Europa aufstellen (in Wirklichkeit ist die Produktion neuer Raketen seither nicht wesentlich gebremst worden).