Am 29. Oktober 1982 wurde in Marbach zum erstenmal der Jean-Améry-Preis für Essayistik vergeben, an den Kritiker, Essayisten und Übersetzer Lothar Baier, Autor eines Bandes mit Aufsätzen zum Thema Frankreich, das auch eines von Amérys Hauptthemen war –

Lothar Baier: „Französische Zustände – Berichte und Essays“; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, 1982; 249 S., 34,– DM.

„Französische Zustände“ hat 1832 Heinrich Heine für die Leser von Cottas Augsburger Allgemeine Zeitung beschrieben. Er begründete dann eine Tradition kritischer Berichterstattung über Frankreich bis hin zu Walter Benjamin.

Heine und nach ihm Benjamin berichteten aus der Hauptstadt Paris. Sie folgten einem allgemeinen Konsens, wonach dort „die vorzüglichsten Köpfe eines großen Reiches auf einem einzigen Fleck beisammen sind und in täglichem Verkehr, Kampf und Wetteifer sich gegenseitig belehren und steigern“ (so Goethe zu Eckermann am 3. Mai 1827).

Für Baier ist dieser Zentralismus nicht mehr selbstverständlich. Er nähert sich dem Phänomen Frankreich von den „Rändern der Zentrale“ aus. Nicht nur, daß er Deutscher ist, bringt ihn in diese Randposition, sondern vor allem, daß er große Teile des Jahres in der französischen Provinz lebt.

Nicht zuletzt Baiers Alter bestimmt seine Blickrichtung: Er ist 1942 geboren, gehört also jener Generation an, die ihr erstes Bild von Frankreich einem positiven Vorurteil verdankt, einem Reflex der Abkehr vom dumpfen Schulklima der Ära Adenauer. Das Bemühen, solche „Projektionen aus dem Elend der westdeutschen Restauration“ Stück für Stück abzutragen, sie durch Beobachtungen und Erfahrungen zu ersetzen, die am tatsächlichen Frankreich gewonnen sind, durchzieht als Prozeß (in doppeltem Wortsinn) Baiers Buch.

Eine der nachhaltigsten Projektionen ist der Glaube, die jeweils neuesten Pariser Denkbewegungen folgten getreulich dem Pulsieren des Weltgeistes. Doch bei genauem Hinsehen (und Ungenauigkeit ist Baiers Stärke nicht) entpuppen sie sich als „ein flottierendes, sich dem analytischen Zugriff entziehendes, blitzschnell die Farbe und die Paradigmata wechselndes Denken“, das in vielen seiner Phasen von einem gefährlichen Irrationalismus zeugt und sich mit den überkommenen Wunschvorstellungen von französischer raison und clarté nicht in Einklang bringen läßt.