Von Hans Dieter Kley

Niemand reist zum Vergnügen nach Libyen, wohl aber reisen Libyer gern ins Ausland – und sei es nur zu einer Zechtour nach Rom. Die Revolution unter Oberst Ghaddafi hat aus dem Wüstenstaat Libyen in jeder Hinsicht ein „trockenes“ Land gemacht. Im übrigen verbot der Revolutionsrat alles, was ihm als Ausgeburt westlicher Dekadenz erscheint, wie Glückspiele, Prostitution, Nacktfotos, Miniröcke, Bikinis, lange Haare und kurze Hosen.

Nach Libyen zieht es Firmenvertreter aus allen Industrieländern der Welt wie Fliegen zum Honig, hier locken Millionenaufträge und stattliche Gehälter. Touristen jedoch müssen sich genasführt fühlen, wenn sie in einem Prospekt der libyschen Regierung lesen: „Libyen zeigt ebensoviel Interesse für den Fremdenverkehr wie für alle anderen Bereiche, die noch nicht voll entwickelt sind, gemäß der Pläne der September-Revolution von 1969.“ Wer glaubt, hier spreche Bescheidenheit, wird schnell eines anderen belehrt: „Länder, die dem Touristen nicht allzuviel zu bieten haben, müssen sich vieles einfallen lassen, um Besucher anzuziehen. Libyen aber kann als Touristenparadies angesehen werden.“

Das lautet wie ein Hohn auf die Umwege, Unkosten und Unannehmlichkeiten, die man hat, bevor man seinen Fuß auf libyschen Boden setzen kann. Der Revolutionsrat hat sich vieles einfallen lassen, was Besucher abschreckt; er bestimmte etwa, daß Visa nur in Reisepässe mit arabischer Übersetzung eingetragen werden. Der Visumantrag muß bei der libyschen Botschaft (korrekte Bezeichnung: Volksbüro der Sozialistischen Arabischen Volksjamahiria) im Herkunftsland, andernfalls beim Immigration Office in Tripolis gestellt werden. Ein Touristenvisum wird am ehesten dem archäologisch Interessierten erteilt.

Nach der Landung in Benghasi begann eine strapaziöse Zimmersuche. Die Hotels erwiesen sich als ebenso teuer wie unzulänglich, in einigen der besseren Etablissements waren „Freiheitskämpfer“ aus Schwarzafrika und Lateinamerika untergebracht. Während ein Tunesier und ein Marokkaner mein Bett herrichten, erzählten sie mir, wie langweilig sie Libyen fänden, wie gern sie in Europa arbeiten würden ...

„Benghasi hat viele moderne Touristenplätze, Hotels und Pensionen in allen Preislagen, Restaurants, Strandcafes sowie moderne Märkte“ heißt es im Prospekt. Aber ich erlebte eine ungepflegte, heruntergekommene Mittelmeerstadt, einen Ort ohne jeden Charme. Aus der italienischen Kolonialzeit stammen die Arkadenbauten des Geschäftsviertels, einige repräsentative Gebäude am Küstenboulevard und der Hafen. In den Vororten stehen kastenförmige drei- und vierstöckige Zementbauten. Weite Teile der Stadt gleichen einer großen Baustelle, überall liegt Abfall, wird Staub hochgewirbelt, riecht es nach Benzin. In Benghasi hat sich die Konserven-Zivilisation breitgemacht, diese halbfertig, halbverfallen anmutende Stadt ist ein häßliches Monument des Erdöl- und Plastikzeitalters.

Im Gegensatz zu den Nachbarländern Ägypten und Tunesien findet der Reisende in Libyen nichts, was an das goldene Zeitalter der Araber erinnert. Jedoch können die Libyer mit Recht darauf hinweisen, daß in ihrem Land bereits Kulturen blühten, als Nordeuropa und Amerika noch in Geschichtslosigkeit dahindämmerten.