Die Zahl der Schadensfälle, die Studenten bei den Reisegepäckversicherungen melden, steigt stetig. Die Vermutung liegt nahe, daß viele Hochschüler ihren Urlaub durch Versicherungsbetrug finanzieren.

Der exakte Beweis ist wegen der schwierigen Nachprüfbarkeit der Fakten und wegen fehlender statistischer Daten nur sehr schwer zu führen, aber für Deutschlands Reisegepäckversicherer steht fest: Viele Studenten versuchen offensichtlich, die strapazierte Urlaubskasse durch Versicherungsbetrug wieder aufzufüllen.

Nicht nur die (relativ wenigen) nachgewiesenen Fälle von betrügerischer Manipulation bestärken die Gepäck-Assekuranzen in ihrer Meinung, sondern vor allem die überdurchschnittlich hohe Zahl von gemeldeten Schadensfällen, mit denen die studentische Reiseklientel die Versicherungen eindeckt. Zwar stieg in den letzten fünf Jahren die Zahl der Schadensfälle kontinuierlich pro Jahr um 15 Prozent, aber ungleich stärker machte sich der Anstieg im Kundenkreis der Hochschüler bemerkbar.

Konrad Hofinger, Vorstandsmitglied beim Münchner Branchenführer, der Europäischen Reiseversicherung: „Ein heißes Eisen und ein sehr ernstes Thema. Aber es ist richtig, daß uns der Kundenkreis der Studenten auffällt, weil sie bei der Zahl der Schadensfälle überdurchschnittlich hoch vertreten sind“. Die Aussage kann auch Peter Beck von der Hamburger Hanse-Merkur-Reiseversicherung „voll bestätigen“: „Es liegt auf der Hand, daß viele Studenten sich durch die Erstattung der einen Reise bereits die nächste Reise finanzieren.“ Und auch Alois Weber, stellvertretender, Geschäftsführer der Münchner Elvia Versicherungs-AG, muß „uneingeschränkt zugestehen“, daß die Schadensfälle bei den Hochschulkunden „weit höher liegen“ als im Durchschnitt.

Barometer sind die Reisebüros, die vorwiegend an Studenten Reisen verkaufen oder in unmittelbarer Universitätsnähe liegen. Dort werden die meisten Einzelversicherungen gebucht, die anschließend zu Schadensmeldungen führen. Die radikalste Konsequenz hat der Geschäftsführer der Frankfurter Touristik-Assekuranz-Service GmbH, Lothar Rehme, gezogen. „Von einigen Reisebüros in Universitätsnahe“, sagt Rehme, „akzeptieren wir keine Reisegepäckversicherungen mehr.“ Eine härtere Gangart werden auch die anderen Policen-Verkäufer einschlagen und bereits im Vorfeld der Urlaubsreise tätig werden: Wenn ein Kunde zuerst nach den Versicherungsbedingungen und Erstattungsmodalitäten fragt, bevor er überhaupt im Reisebüro einen Trip bucht, dann ist das bereits für die Versicherer ein Indiz, daß die Möglichkeit eines Versicherungsbetrugs nicht auszuschließen ist.

Auch anhand von „Vorschäden“ (Beck), die in vergangenen Jahren gemeldet wurden und bei erneuten Schadensfällen angegeben werden müssen, können die Reisegepäckversicherer auf Betrugsabsichten oder ausgeführten Betrug schließen. „Das ist manchmal sehr einfach“, meint Peter Beck von der Hanse-Merkur-Reiseversicherung, „die Studenten zeigen ja oft so wenig Phantasie. Da werden dann Schadensfälle immer nach demselben Muster gestrickt.“ Und für Konrad Hofinger ist die Sache ebenfalls klar, wenn der Student nach einer zweimonatigen Reise zurückkehrt und meldet, daß ihm am letzten Urlaubstag im fremden Land die Kamera gestohlen worden ist. In solchen Fällen erstattet die Europäische Reiseversicherung „generell Strafanzeige“ (Hofinger).

Seit der akademische Nachwuchs eine kriminelle Handlung als Kavaliersdelikt abtut, haben die Reisegepäckversicherer bei Schadensersatzansprüchen durch die Studenten ein besonders kritisches Auge. Den Versicherern ist dabei klar, daß auch manch Unschuldiger oder Pechvogel in der Rasterfahndung hängenbleibt. Aber die stetig steigende Zahl von echten und vermeintlichen Schadensfällen bringt sie dazu. Helfershelfer der Hochschul-Traveller sind nicht selten ausländische Behörden und Polizeistellen, die nur allzu leichtfertig Verlust- oder Diebstahlbescheinigungen ausstellen. In solchen Fällen tun sich die Versicherer schwer, einen Betrug nachzuweisen, obwohl es auch hier Mittel und Wege gibt, die richtige Spur zu finden.

Die Ursachen für die studentische Kleinkriminalität haben die Reisegepäck-Versicherer bereits ausgemacht: Neben der allgemeinen „Einstellung der Jugend“ (Weber) und dem Verlust der „Wertvorstellungen“ (Hofinger) sind es nach Meinung der Versicherungsunternehmen vor allem die Bafög-Kürzungen und die wirtschaftliche Rezession, die die Studenten vom rechten Versicherungsweg abgebracht haben. Rainer Schauer