Im Wortlaut: „Vielleicht sollten wir die Gesamtpalette der von mir aufgeworfenen Fragen und Ihre Antworten in einem weiteren Gespräch erörtern, das zwischen unseren Büros vereinbart wird. Mit freundlichen Grüßen, Jürgen W. Möllemann.“

So endet ein Brief des Staatsministers im Auswärtigen Amt und Vorsitzenden der nordrhein-westfälischen FDP an Johannes Rau. Selbstverständlich handelt es sich um einen offenen Brief. Bei Möllemann muß man das kaum noch erwähnen. Von Public Relations versteht der Zögling Hans-Dietrich Genschers mehr als die meisten seiner Kollegen in Bonn.

Da schreibt Möllemann zum Beispiel, er betrachte mit großer Betroffenheit „das atemberaubende Tempo und den nahezu unbegreiflichen Opportunismus“ der SPD in der Sicherheitspolitik. Leider gebe Rau zu alledem nur „nichtssagende Erklärungen“ ab. Der Ministerpräsident möge ihm bitte erklären, was er unternehme, „um das Abdriften der SPD in bündnisfeindliche, neutralistische Positionen zu verhindern“.

Oder zur Innenpolitik: Johannes Rau möge in seinem Kabinett doch bitte einen „sachlichen und personellen Neuanfang“ machen. Ja, Jürgen Möllemann diskutiert sogar durch, welche Minister abgelöst werden müßten, welche „sowieso keine Lust mehr haben“ oder welche „ihrem Ressort nicht gewachsen sind“. Rau solle sie alle „durch agile und ideenreiche Kämpfer für Nordrhein-Westfalen“ ersetzen.

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Im Prinzip stellt sich Möllemann für das Kabinett in Düsseldorf wahrscheinlich so agile und ideenreiche Kämpfer wie Möllemann vor. Aber die Chancen sind nicht groß. Noch in der Wahlnacht am vergangenen Sonntag hat in Bonn die Diskussion darüber eingesetzt, wie sich das Resultat auf Nordrhein-Westfalen auswirken werde. Steuert die FDP jetzt auch dort ganz unverhohlen auf eine Koalitionsaussage mit der CDU zu? Und muß die Union fürchten, es mit der Möllemann-FDP am Ende doch nicht zu schaffen? Kohl und Genscher schwiegen sich dazu aus, aber ihr Herz für die SPD werden Düsseldorfs Liberale 1985 wohl kaum entdecken.

Johannes Rau jedenfalls, der ohnehin dazu neigt, Politik nicht so ganz ernst zu nehmen, hat sich entschlossen, Möllemanns Briefeschreiberei eher lächerlich als peinlich zu finden. In der Wahlnacht verließ er das Ollenhauer-Haus mit der fröhlichen Bemerkung, er gehe jetzt Skat spielen – es sei nicht die Zeit, sich Gedanken zu machen, ob für 1985 ein Comeback der FDP in Düsseldorf zu erwarten ist. Und dann grummelte er etwas wie: Wenn alle seine Gegner aus dem Stoff wären wie der Düsseldorfer Oppositionsführer Worms oder wie Möllemann, dann sei ihm nicht bange.