West-Berlin

Eigentlich hatten es die Redakteure der SFB-Hörfunksendung „Echo am Morgen“ nur gut gemeint. Doch ihr Engagement für die vermeintlich gute Sache wurde schlecht belohnt. Je länger im Studio von Watteau die Rede war, je mehr die unvergleichliche Schönheit des Gemäldes „Einschiffung nach Kythera“ gepriesen und je öfter das Spendenkonto den lieben Hörern mitgeteilt wurde, um so allergischer reagierten die. Schließlich war die Telephonvermittlung im Sender Freies Berlin so überlastet, daß nur noch die wenigsten Hörer ihre Meinung über den Äther kundtun konnten. Ein Anrufer meinte, es sei eine Frechheit des Hauses Hohenzollern, Geld für ein Bild zu verlangen, das einst von Friedrich II. gekauft worden sei. Und ein anderer sagte unter Hinweis darauf, daß Prinz Louis Ferdinand Geld für die Erhaltung der Hohenzollernburg benötige: „Der Herr kann sein Schloß nicht mehr bezahlen? Ich kann auch meine Wohnung nicht mehr bezahlen.“

Was jetzt die Gemüter der Berliner so in Wallung bringt, hatte schon Ende des vergangenen Jahres begonnen. Prinz Louis Ferdinand von Preußen erklärte damals, er brauche Geld, für die Sanierung der Stammburg ebenso wie für die notleidende Pensionskasse seines Hauses. Der Prinz faßte den naheliegenden Gedanken, eines seiner kostbarsten Gemälde zu verkaufen: eben jenen Watteau, der heute als Leihgabe im Knobelsdorff-Flügel des Charlottenburger Schlosses hängt.

Doch weniger der verlangte hohe Kaufpreis (15 Millionen Mark) ist es, der die Berliner jetzt in Rage bringt, als vielmehr die Art und Weise, in der sie selber mithelfen sollen, das Geld aufzubringen. Nach dem Willen des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker und des zu Hilfe gerufenen Bankiers und Kunstmäzens Hermann Josef Abs soll die Bevölkerung für den Ankauf des Bildes fünf Millionen Mark spenden, und zwar bis zum 31. Dezember dieses Jahres. Andernfalls, so die auf einer Pressekonferenz ausgesprochene „Drohung“, sei das Bild nicht in Berlin zu halten. Für viele Berliner – auch solche, die dem Anliegen im Grunde positiv gegenüberstehen – ist das eine Nötigung. Für zusätzlichen Protest sorgte der Kunsthistoriker Otto von Simson, Vorsitzender des Vereins „Freunde der preußischen Schlösser und Gärten“, als er erklärte: „Da der Prinz einen Preis fordert, der mehrere Millionen unter dem vom Ausland gebotenen liegt, tritt er uns nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Stifter gegenüber.“

Nachdem die Bevölkerung ihre Entrüstung unmißverständlich geäußert hatte, nahmen sich auch die Berliner Zeitungen der Stimmungslage an. Das Volksblatt Berlin kommentierte: „Die Berliner um großherzige Spenden zum Erwerb eines Gemäldes zu bitten, dessen materieller Wert rational nicht zu begründen ist, war waghalsig zu einem Zeitpunkt, da Hunderttausende in der Stadt um Arbeitsplatz und soziale Sicherheit bangen.“

Im Berliner Landesparlament wurde das Bild durch die Initiative der Alternativen Liste zu einem Thema. In einem Dringlichkeitsantrag forderte die AL, Prinz Louis Ferdinand tolle das Werk, das 1763 von Friedrich II. „aus Steuermitteln“ gekauft worden sei, dem Land Berlin schenken. Sei er dazu nicht bereit, solle der Senat zum Wohle der Allgemeinheit eine Enteignung vornehmen. Der AL-Antrag wurde – zusammen mit einem Ergänzungsantrag der SPD – durch die Stimmen der Koalitionsfraktionen CDU und FDP abgelehnt. Die Alternative Liste äußerte nach ihrer Abstimmungsniederlage im Parlament den Verdacht, die ganze „abstruse Kampagne“ diene der Verschleierung des düsteren Zustandes, in dem sich die Mehrheit der Bevölkerung befinde. Aber die könne sich ja, so der höhnisch gemeinte Rat der AL, vor das Watteau-Bild stellen und sich – den Spendengroschen in der Hand – „im Kopfe einschiffen nach Kythera“. Richard Schneider