Um es gleich vorweg zu sagen – die Frage, die der Titel des Buches stellt, und die die Gegner der elektronischen Revolution voller Sorge erfüllt, wird nur unzureichend beantwortet:

Gerhard Naeher: „Stirbt das gedruckte Wort? – Neue Medien – Die große Herausforderung“; Neue Mediengesellschaft/Süd-West-Presse, Ulm 1982; 294 S., 38,50 DM.

Ob es zu früh ist für einen Nachruf auf die Errungenschaften der Druckerkunst, oder ob er vielleicht doch niemals nötig wird, wagt der Autor nicht zu entscheiden. Doch wer nur die Chiffren der Mediendiskussion kennt, kann mit Hilfe seines Buches einen Begriff davon gewinnen, welche Überraschungen ihn auf dem Bildschirm erwarten. Verkabelung und Fernsehsatelliten, Videotext und Bildschirmtext – so viel steht uns tatsächlich ins Haus, daß die Auskunft über die neue Technik und ihre Tragweite gar nicht umfassend genug ausfallen kann. Der Autor weiß, worüber er schreibt. Weil er in den Diensten Axel Springers steht, weiß andererseits der Leser bald, für welche Entwicklung er plädiert: für den Mediendarwinismus, der den Überlebenskampf des gedruckten Wortes gegen die Macht von der Mattscheibe weitgehend dem Spiel der freien Kräfte überläßt – sofern die Verleger ihren gehörigen Anteil am künftigen Medienmarkt zugesprochen bekommen.

Der zögernden Medienpolitik der Sozialdemokraten werden aus dieser Perspektive selbstverständlich immer wieder (und allzu oft) schlechte Noten ausgeteilt, den ungestümen Innovationsbemühungen der neuen Bundesregierung viele Komplimente zuteil. Aber ist eine solche Bewertung überzeugend? Zwingt nicht gerade die Kommunikationsrevolte, sich der inzwischen schon klassischen Abwägung zwischen Ökonomie und (kultureller) Ökologie, zwischen wirtschaftlich-technischen Möglichkeiten (und Chancen) und Gefahren für unser Zusammenleben zu stellen?

Die sinkenden Auflagen der amerikanischen Zeitungen, der wachsende Analphabetismus in Amerika (der nicht erwähnt wird), die bevorstehende Umverteilung der Werbegelder zu möglicherweise tödlichen Lasten der Presse bis hin zu den Lokalblättern, die veränderten Konsumgewohnheiten der Medienrezipienten – schon jetzt sitzt der deutsche Durchschnittsbürger täglich zwei Stunden und fünf Minuten vor dem Fernseher, hat aber nur 38 Minuten übrig für die Lektüre einer Zeitung und ganze 22 Minuten für das Lesen eines Buches –, das sind Tatsachen, die ein Menetekel auf dem Bildschirm erscheinen lassen.

Eines wird immer deutlicher: Die schöne neue Medienwelt hat viele erschreckende Facetten. Und das Universalmedium Bildschirm mit seinem Angebot an interaktiver Kommunikation verdient gewiß nicht die uneingeschränkte Laudatio, die ihm ein Sony-Manager hält und die der Autor offenbar teilt: „Zum erstenmal wird durch dieses neue Medium der Mensch vor dem Bildschirm aktiviert, er darf selbst auswählen, selbst kommunizieren, seine Meinung... äußern. Sich äußern dürfen, selbst aktiv sein, das bedeutet zumindest wachsendes Integrationsgefühl.“

Integration per Breitwandkabel? Heute zumindest klingt das noch mehr nach Alptraum als nach Hoffnung. Aber da die Entwicklungen der elektronischen Kommunikation nicht zu stoppen sind, werden wir schon bald die Probe aufs Exempel machen können. Doch wenn der Verfasser die Auswirkungen des Bildschirmbooms zum Schluß wie ein Fatum bilanziert – „Wenige anspruchsvolle und teure Zeitungen, eine Reihe von spezialisierten Zeitschriften, zahlreiche schöne und themenbezogene Bücher werden dann noch für die Zielgruppe der Lese-Fans zur Verfügung stehen“ –, stellen sich Ratlosigkeit und Ärger ein. Denn so wichtig die Bekanntschaft mit den Kommunikationsmöglichkeiten von morgen auch ist, die entscheidende Frage drängt sich erst danach auf: Wie werden sie uns und unsere Gesellschaft verändern?

Dieter Buhl