Von Gerd Bucerius

I

Der Paragraph 117 Absatz 1 Strafgesetzbuch bestraft die „Vergewaltigung“: „Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.“

Nur zum „außerehelichen Beischlaf“ also. Ist die Ehefrau – sie sollte dem Täter besonders nahestehen – nicht geschützt? Mindert sich die Rechtsstellung der Frau mit der Heirat? Geben wir dem Mann das Recht, mit dem Leib der Frau nach Gutdünken zu verfahren?

Tatsächlich bekam einst mit der Heirat der Mann Herrschaft über die Frau in mancherlei Beziehung: Sie durfte ihr Vermögen nicht mehr selbst verwalten. Das Alte Testament sagt Zaubervolles über die Frauen; aber, das zehnte Gebot hieß bei Moses 20.2 (Exodus): „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel...“ Damit war das Eigentum an der Frau gemeint, denn daneben galt das siebte Gebot; „Du sollst nicht ehebrechen.“ Heute trennt die kirchliche Lehre: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ und: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut.“

Die Untreue des Mannes war zwar manchmal Ehescheidungsgrund, immer aber Kavaliersdelikt; Alexander von Humboldt besuchte Bordelle, wie viele seiner Zeitgenossen; die Keuschheit der Frau vor und während der Ehe war dagegen unabdingbar. Tolstois Leser hatten Mitleid mit Anna Karenina, fanden sie. aber schuldig. So konnte einst Rechtsmeinung sein: Vergewaltigung der Ehefrau gibt es nicht, weil sie zu jeder Stunde verpflichtet ist, dem Manne zu geben, was er haben will. Diese ekelerregende Vorstellung liegt hinter uns. Es mögen Reste davon im kleinbürgerlichen Spießbürgertum geblieben sein – kein Gesetzestext, gewiß nicht das gewichtige Strafgesetzbuch, sollte solche Vorstellungen noch widerspiegeln. Tut Paragraph 177 das? Ihn zu ändern jedenfalls, hätte auch Gefahren.

II.