Rebecca war Lehrerin und wollte nach Oregon. Allein. Kein leichter Job für eine Frau, um die Mitte des 19. Jahrhunderts in einem der großen Trecks in den goldenen Westen der USA zu ziehen. Nicht alle kamen an. Abgesehen von aller Mühsal, allen Entbehrungen aber machte Rebecca die Erfahrung, daß es um die Solidarität unterwegs nicht gut bestellt war. Sie fühlte sich isoliert, geschnitten, auch von den anderen Frauen. In ihrem Tagebuch lesen wir: „Ich ritt mit meinem langsamen Pferd hinter den anderen her. Ich fühlte mich traurig und verletzt und hatte große Angst. Ich hatte gehört, daß die Indianer mit Vorliebe Frauen entfuhren, um ein hohes Lösegeld zu erpressen ...“

Ach Rebecca, könntest Du das noch erleben. Deine Schwestern, denen Du mit Deiner beschwerlichen Reise den Weg geebnet hast, haben es geschafft, die Aufmerksamkeit der großen Hotelgesellschaften auf sich zu lenken. Denn neue Zahlen belegen es: Mittlerweile sind tatsächlich 30 Prozent aller Geschäftsreisenden in den USA Frauen. Und das ist ganz schnell gegangen, innerhalb weniger Jahre. Was nun? Jetzt müssen erst einmal die gängigen Hotelprospekte eingestampft werden, die Frauen vor allem in drei typischen Situationen zeigen. Entweder im Bikini am Pool oder mit zwei Kindern an der Hand, dankbar lächelnd wegen des Hochstühichens im Restaurant. Oder in Gala-Garderobe am Arm des Gatten, der sie gleich nach gelungenem Geschäftsabschluß in die Oper führen wird.

Weil sich da ein expandierender neuer Markt auftut, haben die Hotelmanager natürlich gleich überlegt, wie sie diese tüchtigen Frauen, die wissen, wo’s lang geht, für sich gewinnen können. Zuerst dachte man an frische Schnittblumen auf dem Zimmer. Aber dann haben sie noch einmal eine Untersuchung in Auftrag gegeben, und was dabei herauskam, hat sie tatsächlich völlig überrascht. Denn es zeigte sich, daß die aufgeweckten Frauen vor allem auf eines Wert legen: anständig und normal behandelt zu werden.

Oh Rebecca, welche Erfahrungen müssen hinter diesem schlichten Anspruch stecken. Geht sie allein ins Restaurant, wird sie am zugigen Tisch in der Nähe der Schwingtür zur Küche plaziert. Jeder sieht es: ein Gast zweiter Klasse. Oder böser noch: Wohl keinen abgekriegt heute ... Die Folge: Zwei von drei Frauen ziehen es vor, vom Etagenservice Gebrauch zu machen und für sich allein im Zimmer zu essen.

Nun sind die Herbergsväter darauf verfallen, sich und dem Personal eine Art Kavaliersprogramm zu verordnen. Nie mehr, so schwören sie, soll es vorkommen, daß der Empfangschef der Dame den Schlüssel überreicht und dazu die Zimmernummer durch die Lobby trompetet, damit auch jeder weiß, wo sie zu finden ist. Und wenn sie allein in der Bar sitzt, soll der Barkeeper sie fragen, ob es ihr recht ist, wenn der Herr dort drüben ihr einen Drink spendiert, oder ob sie lieber ungestört bleiben möchte.

Du lachst, Rebecca? Paß auf, Du hast noch nicht den neuen, den ganz anderen Prospekt gesehen. Da steht die Managerin in korrektem Dunkelblau an der Rezeption, sie erinnert ein bißchen an einen Admiral. Wenn sie gleich ihren Koffer auspackt (Frauen tun das, auch wenn sie nur für eine Nacht bleiben, hat das Management herausgefunden), wird sie festellen, ob auch in der Kommode Staub gewischt wurde. Dann schnell zum Business Lunch. Dem Kellner ist eingeschärft worden, daß er um Himmels willen die Rechnung zwischen den Herrn und die Dame zu legen hat, damit bezahlt, wer dazu von Geschäfts wegen verpflichtet ist.

Na, und bei der Verhandlung im Konferenzraum, da scheinen aber die beiden Herren vor ihr im Sitzen strammzustehen. Beim Frühstück, so zeigt es der Prospekt, liest sie selbstverständlich das Wall Street Journal. Aber denke – sie gibt im Schnitt sogar sieben bis zehn Prozent mehr Trinkgeld als die knauserigen Prokuristen.

Rebecca, täusch Dich nicht: Was Dir damals die Angst um das Pferd oder der verdammte Hunger, das ist ihr heute der Erfolgszwang wegen der Verträge, Abschlüsse und Neuigkeiten, die sie heimbringen muß. Und selbst wenn im Hotel alle so nett wären, sie normal, wie einen Menschen eben, zu behandeln: Draußen lauern noch Indianer genug. Anna von Münchhausen