Daß wir Deutsche unfähig seien, zu lachen, zu weinen, zu trauern – es ist alles schon beschrieben worden. Doch möglicherweise haftet uns noch ein weiterer Mangel an: die Unfähigkeit zu demonstrieren. Dieser Eindruck drängte sich jedenfalls auf, als in der vergangenen Woche über 100 000 Stahl- und Werftarbeiter aus dem gesamten Bundesgebiet durch Bonn marschierten, um, nach den Worten des stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall, Hans Mayr, gegen das „schmutzige Geschäft des Kapazitätsabbaus“ zu protestieren.

Für die Augen der Betrachter zuerst erkennbar, wurde freilich dies „demonstriert“, nämlich dargeboten: Disziplinlosigkeit, pöbelnde Gruppierungen, Abertausende von Zugteilnehmern mit der Bierflasche oder -dose in der Hand (als ginge es ihnen weniger um Schiffbau und Stahl als um das Reinheitsgebot), und hinter dem Zug geradezu ein Chaos von Abfall. „Metaller hinterließen einen ‚Saustall‘ und ‚ein Bild der Verwüstung‘“, schrieb anderentags der Bonner General-Anzeiger. Zitat aus dem Bericht dieses Blattes: „Durch ihr undiszipliniertes Verhalten waren sie in Bonn allenthalben unangenehm aufgefallen. Bei einigen Gruppen von IG-Metallern schien der Bierkonsum das A und O ihrer Fahrt in die Bundeshauptstadt gewesen zu sein. In angetrunkenem Zustand pöbelten sie dann Frauen an...“

Gewiß, die Bundeshauptstadt hat schon andere, sehr viel eindrucksvollere Demonstrationen erlebt – erinnert sei nur an die „Friedensdemonstrationen“ vom Oktober 1981 und vom Juni 1982 – sie waren vor allem durch Ernsthaftigkeit und Engagement geprägt. Die Unfähigkeit zu demonstrieren scheint mithin nicht allgemein zu sein. Die Führer der deutschen Metallgewerkschaft aber haben noch einiges aufzuholen. Sie könnten ihrer Klientel einmal in Wort und Bild vorführen, mit welcher Disziplin Arbeiter in anderen, vor allem südlichen Ländern demonstrieren – und wie erbarmungswürdig dagegen das Bild war, welches ihre deutschen Kollegen abgaben.

Als „unerträglich“ haben es die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenversicherung bezeichnet, daß Arzneimittel in der Bundesrepublik „bis zu achtmal mehr‘ kosteten als in einem anderen Land der Europäischen Gemeinschaft. Der deutsche Beitragszahler, heißt es in dieser durch und durch wohlbegründeten Erklärung, subventioniere damit indirekt Auslandsgeschäfte der Pharmaindustrie und die ausländischen Krankenversicherungen. Eigentlich wäre doch anzunehmen, daß eine solche Erklärung, die ja letztlich im Namen der Versicherten abgegeben wird, von allen Verbänden der gesetzlichen Krankenversicherung unterschrieben wird – doch siehe da, einer fehlte: der Bundesverband der Betriebskrankenkassen.

Man braucht wohl nicht lange nachzudenken, um zu ergründen, warum dieser Verband nicht mit unterschrieben hat: Große Betriebskrankenkassen gibt es schließlich auch bei Hoechst und bei Bayer, um nur die Branchengiößten zu nennen, und man will es sich schließlich mit diesen mächtigen Mitgliedern nicht verderben. Der Sprecher des Betriebskrankenkassen-Verbandes, Dietrich von Leszczynski, möchte diese Vermutung zwar „so nicht“ teilen – richtig ist sie gleichwohl.

Zur Ehrenrettung dieses Verbandes sei freilich gesagt, daß er sich nicht immer unterkriegen läßt. So hat sich bislang nur ein einziger Verband der gesetzlichen Krankenversicherung ganz dezidiert für die sogenannten „Positivlisten“ zu verschreibender Arzneimittel ausgesprochen eben der Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Diese Positivlisten, die die Arzneimittelausgaben der Krankenversicherungen erheblich dämpfen könnten, sind, da sie aus dem Riesenangebot an Präparaten nur die als tauglich befundenen empfehlen würden, der pharmazeutischen Industrie ein wahres Greuel Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der solchen Positivlisten keineswegs ablehnend gegenübersteht, kämen ähnlich eindeutige Erklärungen der anderen Kassenverbände gewiß nicht ungelegen.

* Was ist nicht alles geschrieben worden über Chinas gewaltige Ressourcen, seine Bodenschätze, seine immensen und noch ungestillten Bedürfnisse, die Möglichkeiten der deutschen Wirtschaft, daraus ein großes Geschäft zu entwickeln – und wie bescheiden war dann tatsächlich die Entwicklung der Ein- und Ausfuhren.