Die Zeitumstände, in denen dieses Buch geschrieben wurde, gaben keinen Anlaß zum Optimismus. „Peking, Juni 1938 bis Juni 1940“ hat der Autor selbst es datiert. Er arbeitete als Geologe und Paläontologe seit 1926 im Exil in China. Der Jesuitenorden hatte den Pater, als er in den zwanziger Jahren, statt den Darwinismus zu bekämpfen, selbst Evolutionist geworden war, auf Wunsch der römischen Kurie aus Paris abgeschoben.

Trotzdem war Teilhard von der übrigen Welt nicht isoliert. Als Experte für die Geologie Chinas hatte er sich einen internationalen Namen gemacht. In die Zeit der Abfassung des Buches fiel eine Reise über die USA nach Frankreich und kurz vor Kriegsausbruch wieder zurück nach China. Dort war Teilhard der Kampf zwischen den Nationalisten Chiang Kai-scheks und den Kommunisten Mao Tse-tungs politischer Anschauungsunterricht genug. Der Kriegsausbruch in Europa überraschte ihn nicht. Er sah darin eine Auseinandersetzung zwischen dem kapitalistischen Individualismus und dem faschistischen Rassismus, zwischen zwei Extremen, denen er das Ideal einer die gesamte Menschheit umfassenden Demokratie entgegenhielt. „Um bis an die Sonne zu dringen“, heißt es in „Der Mensch im Kosmos“, „bedarf es des harmonischen Wachstums des gesamten Geästes. Der Ausgang der Welt, die Tore der Zukunft, der Eingang zum Übermenschlichen eröffnen sich weder einigen Privilegierten noch einem einzigen Volk, das auserwählt wäre unter allen Völkern! Die Pforten öffnen sich nur, wenn alle zusammen nach einem Ziel drängen.“

Das Zitat läßt die beiden Hypothesen Teilhards erkennen, mit denen er „das menschliche Phänomen“ (der Originaltitel des Buches lautet „Le Phänomene humain“) zu erfassen sucht: „Die erste besteht in dem Vorrang, der dem Psychischen und dem Denken im Weltstoff zugebilligt wird. Die zweite im ‚biologischen‘ Wert, den ich unserer sozialen Umwelt zuspreche.“ Mit anderen Worten: Die Evolution ist im Menschen in eine entscheidende Phase getreten, die der Selbststeuerung.

Und dieser Phase entspricht ein neues Entwicklungsgesetz: nicht mehr das Gesetz des Dschungels, sondern des Teams, nicht mehr das kriegerische Gegeneinander, sondern die globale Zusammenarbeit in wachsender Sympathie und aus der „Energie der Liebe“.

Anders ist der „Punkt Omega“ nicht zu erreichen, jener ideale Zustand der Menschheit, den die Utopien meinen und auf den die Religionen den Menschen hoffen lassen – auch das Christentum, obwohl es im Laufe der Geschichte den Glauben an die Welt durch den an das „Jenseits“ ersetzt und dadurch den verhängnisvollen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion hervorgerufen hat.

Jetzt aber sind Wissenschaft und Religion aufeinander angewiesen. „Wissenschaftlich kann man sich eine fast unbegrenzte Verbesserung des menschlichen Organismus und der menschlichen Gesellschaft vorstellen. Doch sobald es sich darum handelt, unsere Träume in Wirklichkeit umzusetzen, stellen wir fest, daß das Problem unentschieden, ja sogar unlösbar bleibt, solange wir nicht, erleuchtet von einer gewissermaßen überrationalen Intuition, den konvergenten Charakter der Welt, der wir angehören, anerkennen. Der Glaube an die Einheit.“ Ohne diesen Glauben fehlen der menschlichen Anstrengung Motivation und Orientierung.

Daß dieser Glaube nicht irrational ist, sondern sich aus der bisherigen Entwicklungsgeschichte des Universums ergibt, wenn man nur zu „sehen“ versteht: davon wollte Teilhard seine Zeitgenossen überzeugen und behandelt deshalb ausführlich „die Vorstufen des Lebens“, „das Leben“, „das Denken“ und „das höhere Leben“, wobei er seine von der Zensur zurückgewiesenen Artikel, Vorträge und Skizzen der vorangegangenen Jahre zu einem zusammenhängenden Text verarbeitete.