Die SPD bewegt sich immer mehr auf ein Nein zum Doppelbeschluß zu. Ein Landesverband nach dem anderen lehnt die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik ab; ein führender Politiker nach dem anderen verläßt die alte Linie – erst Brandt, der nun sagt, er sei schon immer gegen den Nato-Beschluß gewesen, neuerdings auch Bahr. Soviel steht wohl fest: Bei ihrem Sonderparteitag im November werden die Sozialdemokraten nein zur Stationierung sagen, Offen ist allenfalls noch die Begründung.

Das Ganze sieht nach einem sehr ungeordneten Rückzug aus den früheren Positionen aus. Die Parteiführung kann ihn weder steuern noch einleuchtend motivieren. „Mit Schmidt als Bundeskanzler wäre zu diesem Zeitpunkt mit der Aufstellung von Raketen nicht zu rechnen gewesen“, sagt Bahr. Da verkennt er freilich Helmut Schmidt. Der Urheber des Doppelbeschlusses hat ja diese Woche erst noch einmal klar gemacht, daß er noch immer für die Nachrüstung ist, falls die Genfer Verhandlungen ergebnislos verlaufen. Wer weiß: Vielleicht wird er beim SPD-Sonderparteitag der einzige sein, der noch dafür eintritt – und sei es nur, weil er verdeutlichen will, zu welcher Feldpostnummer die Bundesrepublik im Ernstfall gehört.

Die Absetzbewegung der SPD ist fatal nicht deswegen, weil die Opposition sich damit zur fünften Kolonne des Kremls machte. Fatal ist sie aus zwei anderen Gründen. Zum einen: weil sie jene Überparteilichkeit sprengt, die am ehesten noch den Erfolg westdeutschen Einwirkens auf Washington und Moskau verbürgt. Zum anderen: weil sie die Pershing-Begeisterten im Lande in ihrer Unnachgiebigkeit nur bestärken kann – als käme es in Wahrheit nicht darauf an, die östliche Raketenbedrohung abzubauen, sondern eher darauf, ihr ein eigenes Drohpotential entgegenzustellen. Polarisierung wird Trumpf. Und es kann dabei sicherheitspolitisch noch manches andere ins Rutschen kommen als bloß der Doppelbeschluß. ts.